Eine Hochzeit ist bisweilen eine aufreibende und emotional aufgepeitschte Angelegenheit, für deren Gelingen häufig eine Armada von Profis engagiert wird. Auf der Bühne dagegen dient das inszenierte Eheversprechen - und das nicht erst seit Bertolt Brechts launiger Milieustudie "Die Kleinbürgerhochzeit" - meist als erstklassiger Komödienstoff.
Selten sah man eine Braut jedoch derart eisern für den vermeintlich "schönsten Tag des Lebens" kämpfen wie Sylvie Rohrer in der Uraufführung von "Der Komet" am Akademietheater. Deren gute Laune steht permanent auf der Kippe, das Dauerlächeln verrutscht regelmäßig in hilfloses Grinsen, und es kommt nicht nur einmal vor, dass die Auserwählte in bauschigem Corsagenkleid die Hochzeitsversammlung wie ein Feldwebel anbrüllt: "Seid glücklich und fröhlich." Oder auch: "Macht etwas Unvergessliches."
Bizarre Rituale
Von Beginn an, mit dem Postieren der Hochzeitsgäste in Reih und Glied, ist klar, dass mit diesem Hochfest der Liebe etwas nicht stimmen kann, und die Dramatikerin Justine del Corte lüftet das Geheimnis bald: Die Anwesenden haben sich auf der bis auf einen Apfelbaum leergeräumten Bühne versammelt, um eine Eheschließung, die bereits vor zehn Jahren stattgefunden hat, noch einmal zu wiederholen; die Wieder-Inszenierung des Weiheakts geschieht auf ausdrücklichen Wunsch der Braut.
Aus der bizarren Ausgangssituation bezieht "Der Komet", das jüngste Stück der 46-jährigen Autorin, zumindest anfangs einiges komödiantisches Potenzial: Wenn das elfköpfige Burg-Ensemble an der Reprise der Zeremonie scheitert, sitzen natürlich die Pointen. Inszeniert wurde die Uraufführung von Justine del Corte und Roland Schimmelpfennig. Die mexikanisch-deutsche Autorin und der erfolgreiche Göttinger Dramatiker sind auch privat ein Paar. In Wien treten sie nun erstmals als Regie-Tandem in Erscheinung und folgen dem Text auf Punkt und Beistrich.
Bis zur Pause bietet die mehr als dreistündige Aufführung durchaus Kurzweil und einige geglückte Figurenporträts - eine wunderbar verkniffene Sabine Haupt, eine würdevoll distanzierte Barbara Petritsch, ein still leidender Peter Knaack -, stilsicher platzierte Bosheiten und effektvollen Slapstick: Fabian Krüger darf als verlässlich-lässiger Bräutigam mit dem Gesicht voran in der dreistöckigen Hochzeitstorte landen.
Im zweiten Teil verlässt die Hochzeitsshow indes die gesicherten Bahnen des Boulevards, und es wird zunehmend unklar, wohin Text und Inszenierung steuern. Die großen Themen Vergänglichkeit, Liebesverrat und Sinnsuche werden zwar angerissen, Umsetzung und Interpretation weisen jedoch nicht über Variationen alltäglicher Unzufriedenheit hinaus.
Gefühlsaufwallungen und Bekenntnisse der Figuren tauchen geradezu eruptiv auf, zeitigen jedoch keinerlei Folgen, die Protagonisten durchleben keine Entwicklung, sondern bleiben den aus dem Boulevard entlehnten Klischeebildern verhaftet.
Phrasenhafter Ringwechsel
Selbst ein Toter, der eigens sein Grab verlässt, um wie vor zehn Jahren mitzufeiern, vermag dem schalen Spiel kein Leben einzuhauchen. Martin Schwab sitzt mit erdverschmiertem Anzug lange Zeit wie teilnahmslos am Tisch, und auch die anderen nehmen sein Erscheinen nach einer Schrecksekunde als gegeben hin. Kritiker orten bisweilen Parallelen in den Arbeiten von Justine del Cortes und Yasmina Reza. Anders als die französische Erfolgsautorin seziert Del Corte ihre Figuren nicht, sondern lässt diese nur im gefälligen Plauderton über diffuses Unglück und das Missvergnügen am Dasein lamentieren.
Da kann selbst die überraschende Wende am Schluss des Stücks nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem phrasenhaften Schlagabtausch der Hochzeitsgäste streckenweise an Schärfe und Prägnanz mangelt. Stell dir vor, es kommt der nächste Ringwechsel - und keiner geht hin.
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