Hat also Oscar Straus mit seinem "Walzertraum" einst Lehárs "Witwe" die Stirn geboten. Aber nur scheinbar. In seinem dritten Bühnenwerk, 1907 uraufgeführt, kämpfte der als Satiriker beliebte Straus plötzlich mit Theaterseligkeiten. Zwar veränderte er die Gattungsform nach Belieben, blieb aber ständig an perpetuierenden Walzerthemen hängen. In der seichten Liebesgeschichte brachte er dennoch kritische Überlegungen wie die immer notwendiger empfundene Distanzierung vom teutonischen Bruder in das Geschehen ein. Viele Probleme, die aktuell den Saisonstart an der Volksoper nicht erleichterten.

Dabei erscheint der Plot denkbar alltäglich, wie aus dem Leben gegriffen. Kronerbin eines deutschen Zwergenstaats (laut Dialekt von Andreas Daums unterhaltsamem Regenten eventuell mit sächsischen Relationen) ehelicht adretten Wiener k.u.k. Leutnant. Caroline Melzers Prinzessin fügte sich beherzt ins Geschehen ein, begleitet wurde sie vom bieder outrierenden Hofstaat der Kammerfrau (Alexandra Kloose). Markus Meyer bot als intriganter Cousin ein solides Hausdebüt.
Es folgt die Flucht in den Schanigarten
Just in der Hochzeitsnacht erkennt der frisch vermählte Prinzgemahl (Thomas Pauls Bariton mochte wohlklingend sein, füllte den Raum aber gar nicht) die Perspektivlosigkeit der neu erlangten Würde. Es folgt - wie in prekären Momenten so üblich - die Flucht in den Schanigarten. Inklusive Laube, Versteckspiel, Aussöhnung. Amourösen Trost bietet die zufällig in der Zwergenhauptstadt gastierende Kapellmeisterin einer typischen Wiener Damenkapelle der Jahrhundertwende. Hier stellte sich die Frage, ob der unterhaltsame Nebeneffekt der seinerzeit aufkeimenden Emanzipation tatsächlich als plakative Ansammlung mannstoller Amüsierdamen dargestellt werden musste. Die Ohrenweide des Abends trat in Aktion. Anita Götz, Sopranistin aus Wien, versprühte als Musikantin Franzi Steingruber eine Extraportion herzerfrischenden Operettencharme.
Zurück ins germanische Niemandsland: Eben jenes "süße Mädel" erkennt die Chancenlosigkeit der Romanze und verhilft also der Konkurrentin zu erfülltem Eheglück. Wie? Sie treibt ihr Preußen aus und trichtert dafür Gugelhupf ein. Was für eine lustige Idee, noch dazu in Zeiten der völkerwanderungsartigen Überquerung des Weißwurstäquators. Hausherr Robert Meyer tat als Regisseur dem Werk dennoch nichts Gutes, es in rein naturalistischem Gewand zu verwirklichen. Ein Salon war ein Salon, eine romantische Laube eine romantische Laube - und alles im Gesicht des Jugendstils. Adrett anzusehen waren auch wallende Kleider und fesche Uniformen. Trotzdem: Einen derart hintergründigen Operettenhit allein mit Otto-Wagner-Pavillons, Strasscolliers und klischeehaft vorgetragenen Deutschenwitzen zu befüllen - das grenzt an Fahrlässigkeit. Die Dialoge des Abends boten, so verständlich artikuliert, noch wenig freien Witz, zeigten aber eine gewissenhafte Einstudierung. Der zweifelsfrei opulenten Ausstattung (Bühnenbild und Kostüme: Christof Cremer) entsprechend agierte das Volksopernorchester mit ganzem Elan. Und das war gut so.
Denn Dirigent Guido Mancusi rettete volle Fahrt voraus die Partitur aus dem Sumpf angestaubten Operettentreibens und ließ ein wenig träumen.
"Glauben Sie, Ihre Familie ist normal?", fragt Robert Blöchl zu Beginn des neuen Programmes von BlöZinger, jenes grenzgenialen Kabarettduos...weiter