"Irgendwas hab ich falsch gemacht." - Vielleicht ist Claus Guth dieser Satz durch den Kopf gegangen, als er im Premierenapplaus auf die Bühne des Theaters an der Wien trat. Denn Singuläres geschah: Nicht einer Kehle entstieg ein Buhruf. Und der gehört, jedenfalls in Wien, zu einem Guth-Abend wie das Amen zum Gebet.
Nicht, dass Guth danach strebt. Er inszeniert mit solchem Feingefühl für die Seelenregung der Opernfiguren, dass ihm der Berufsverband österreichischer Psychologen mit Fug und Recht die Ehrenmitgliedschaft verleihen könnte. Wie er im Vorjahr den prominentesten Witwer der Musikgeschichte, sprich Orpheus, in einen Selbstmordkandidaten umdeutete: psycho-logisch bezwingend. Mag Guth seine Figuren auch nicht vor dem Schlimmsten bewahren können: Mit den Therapeuten ist ihm der Ehrgeiz gemein, noch das kleinste Symptom symbolkräftig aufzuladen und einer Gesamtdeutung stimmig einzuverleiben. Daraus schöpfen seine Abende dann auch auratisches Kapital.
Dies ist nun nicht so ganz geglückt. "Il ritorno dUlisse in patria" als zweite von drei projektierten Monteverdi-Opern am Theater an der Wien: Gewiss, es ist schon eine Idee, den Kriegshelden vorerst nur körperlich, nicht mental zuhause ankommen zu lassen. Seelisch zerschlissen wie der Kampfanzug hockt der Recke unter einer Art Wüstenzelt im edlen Eigenheim. Ein kompaktes Gedankengebäude entsteht da aber nicht: Sollen die Herren in Weiß nun Geister der traumatischen Vergangenheit sein - oder doch "nur" Götter, die Odysseus/Ulisse zuletzt verschonen? Warum lässt der Held die zeitgenössischen Herren Smith und Wesson sprechen, um Nebenbuhler loszuwerden, imponiert der Ehefrau aber doch mit einem echten Bogen? Und: Wie viel 20.-Jahrhundert-Eleganz kann sich Christian Schmidt, Guths langjähriger Ausstatter, noch ausdenken?
Ein Abend der Sänger
Andererseits: Weil Guth die Personenführung erneut bis in die letzte Mundwinkelregung durchdacht hat, können einem derlei Fragen nicht den Abend vermiesen. Und weil die Darsteller auch grandiose Stimmen besitzen, ist letztlich ein Abend der Sänger zu bejubeln. Die samtigen Töne der Penelope (Delphine Galou) verströmen ebenso Grandezza wie ihre todschicken Kleider; der Sprössling Telemaco (Pavel Kolgatin) lässt jugendliche Kraft hören, sein Vater fast vollmundige Italianità (Garry Magee) und die Damenriege blitzsauberen Barock (Katija Dragojevic, Cornelia Horak, Sabina Puértolas). Und der Gourmand Iro (Jörg Schneider)? Klingt füllig, sitzt gar auf dem Lokus. Auch heitere Nahrungsmittelaufnahme ist hier zu beobachten: ein Gott mit Götterspeise, ein nüsseknabbernder Dienstleister an der hauseigenen Cocktailbar . . .
Diese Gags tun fast not, denn Monteverdis Werk ergeht sich in weiträumigem Deklamieren. Und weil es großteils nur in Vokal- und Generalbasslinie (dem harmonischen Gerüst) überliefert ist, kann der Dirigent kaum prunken. Kontrapunktik? Farbeffekte? Schnecken! Wobei: Christophe Rousset lässt die Akkorde dann doch nicht nur mit Originalklangaroma aus seinem Orchester (Les Talens Lyriques) steigen, sondern motzt sie mit Continuo-Gerassel teils saftig auf: nötige Geschmacksverstärker für die drei (bereits gekürzten) Barockstunden, die sich zuletzt in allgemeinem Wohlgefallen auflösen.
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