• vom 25.03.2011, 18:47 Uhr

Film


Unter Diagonale-Leiterin Barbara Pichler ist Alltag eingekehrt - jedoch mit bemerkenswerten Einzelergebnissen

Filme, die nach einer Debatte rufen




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Von Matthias Greuling und Alexandra Zawia

  • Das Festival Diagonale feiert das heimische Filmschaffen.
  • Werkschau-Charakter verhindert mitunter spannende Schwerpunkte.
  • Graz. Die Diagonale diskutiert öffentlich. Über Kino, seine Digitalisierung, seine Politik. Das ist ihr Wesen, das ist gut. Die Teilnehmer: Diskutanten aus der Branche, Leute, die etwas von Film verstehen, das Publikum.

Streitbarer Dokumentarfilm über Migrantenschicksale: "Schwarzkopf". Foto: Golden Girls Filmproduktion

Streitbarer Dokumentarfilm über Migrantenschicksale: "Schwarzkopf". Foto: Golden Girls Filmproduktion

Streitbarer Dokumentarfilm über Migrantenschicksale: "Schwarzkopf". Foto: Golden Girls Filmproduktion

Streitbarer Dokumentarfilm über Migrantenschicksale: "Schwarzkopf". Foto: Golden Girls Filmproduktion Streitbarer Dokumentarfilm über Migrantenschicksale: "Schwarzkopf". Foto: Golden Girls Filmproduktion

Diskutiert wird aber auch hinter den Kulissen, denn nach einer euphorischen ersten Amtsphase ist auch unter der Diagonale-Leitung von Barbara Pichler der Alltag eingekehrt, und mit ihm die Befürchtung, dieses Festival könnte etwas auf der Stelle treten. Aber: Die Diagonale ist als Leistungsschau österreichischen Filmschaffens, als Symbiose künstlerischer Kreativität und ausreichender Finanzierung, auf einen gewissen Output angewiesen, um als erfolgreich gelten zu können. Nicht jedes Jahr ist dieser gegeben.


Doch der Reihe nach: Einen sehr gelungenen, wenn auch nicht einfach zugänglichen Film hatte man heuer für die Eröffnung gewählt: Die lyrisch-essayistische Dokumentation "Abendland" von Nikolaus Geyrhalter versucht, die Mentalitäts-Essenz eines sogenannten Europa in Bilder zu fassen, das politisch-wirtschaftliche Konstrukt hinter dem Kontinent gedanklich rekonstruierbar - oder erst ein wenig fassbar zu machen. Geyrhalter blickt auf verborgene Dynamiken eines Systems, das dem vermeintlichen Schutz eines Wohlstands-Paradieses dient, letztlich aber die Abschottung gegen "Eindringlinge" praktiziert.

Jenen "Eindringlingen" widmet sich der Dokumentarfilm "Schwarzkopf" von Arman T. Riahi, der den iranisch-stämmigen 26-jährigen Wiener Rapper Nazar ein kurzes Stück seines jungen Lebens zwischen Immigrations-Kindheit, Knastaufenthalt und versuchter Musikkarriere begleitet. Ein Film über "die Migranten-Generation" ist - trotz des wichtigen und unbedingt zu bearbeitenden Themas - nicht per se ein guter Film. Bei "Schwarzkopf" zeigt sich schnell, wie unreflektiert diese Arbeit mit dem Thema des Fremd-Seins und den Schwierigkeiten einer Identitätsfindung umgeht und sich auf eine verteidigende Seite schlägt. Gibt es Gründe für Aggression, Frustration, Ärger? Mit Sicherheit. Gibt es Rechtfertigung für Terror und Gewalt? Nein. Eine Position, die "Schwarzkopf" eindeutig zu wenig stark vertritt.

Komplex und radikal

Neben dem Spielfilmdebüt "Die Vaterlosen" der Grazerin Marie Kreutzer entwirft auch Richard Wilhelmer mit seinem Langfilmdebüt "Adams Ende" einen Film, der vom Unbehagen des Erwachsenwerdens erzählt. Während sich in "Die Vaterlosen" vier Geschwister im Kommunen-Haus ihrer Kindheit wieder treffen, weil ihr Vater (Johannes Krisch) stirbt, sind es in "Adams Ende" zwei Paare, die bei einem gemeinsamen Urlaub an die Grenzen ihrer Vergangenheit und Zukunft stoßen. Kreutzer setzt in ihrem Ensemblefilm auf Ungesagtes, das sich zwischen den Dialogen manifestiert und allmählich auf unausweichliche Erkenntnisse drängt. Nicht durchgehend ist ihr Film stimmig und stark, aber es gelingt eine interessante Komplexität.

Auf den ersten Blick einfach gestaltet ist "Tape End", die neue Arbeit des Kino-Radikalen Ludwig Wüst, die die Beziehung zweier Schauspieler zueinander in nur einer einzigen, 60-minütigen Einstellung karikiert: Liebe-Hass-Liebe-Hass-Hass, das ist seine Devise. Was bleibt, ist der Hass, auf eine Welt, die vor Unehrlichkeiten nur so strotzt und der man - in Film und Theater - besonders gerne auf den Leim geht. Wüst verwehrt sich gegen das "Schau-Spiel" an sich, zeigt es in reiner Form: Eine Besetzungs-Couch ist hier Ausdruck für das Leid an der Welt schlechthin - und das Beste: Sieger gibt es keine, weder männliche noch weibliche.

Am Rand der Globalisierung

Einnehmend ist auch der Dokumentarfilm "Empire Me" von Paul Poet über sogenannte Mikronationen, Orte anarchischer Selbstbestimmung, an denen sich Menschen am Rande der Globalisierung weltweit einen eigenen Kosmos geschaffen haben, auf der Suche nach Identität und Zusammenhalt.

Gemein ist all diesen Filmen, dass sie nach einer Debatte schreien, und dafür war die Diagonale immer ein gutes Forum. Weil die Veranstaltung weniger als Festival, sondern hauptsächlich als Werkschau konzipiert ist, hat sie aber zu wenig Freiheit in der Auswahl spannender Schwerpunkte: Sie kann schon von ihren Statuten her nicht den Mut aufbringen, auf die umfassende Repräsentation des Filmschaffens zu verzichten und die Programmierung stärker zu akzentuieren. Umso wichtiger ist es, darüber zu diskutieren.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-03-25 18:47:25
Letzte Änderung am 2011-03-25 18:47:00


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