• vom 20.01.2011, 09:03 Uhr

Film

Update: 24.01.2011, 13:13 Uhr

22. Trieste Film Festival eröffnet mit Oscar-Preisträger Danis Tanovic

Menschlicher Zirkus vor der Tragödie




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Von Anton Silhan / WZ Online

  • Dieter Berners Bruckner-Verfilmung "Krankheit der Jugend" im Wettbewerb.

Das 22. "Trieste Film Festival" eröffnet am Abend des 20. Jänner mit dem neuesten Film von Oscar-Preisträger Danis Tanovic, "Cirkus Columbia". Der aus Bosnien stammende Regisseur hatte 2001 für seinen Film "No Mans Land", der mit satirischem Blick den jüngsten Jugoslawien-Krieg reflektiert, den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film erhalten. Darüber hinaus wurde der Streifen weltweit mehr als 40 Mal ausgezeichnet.


In "Cirkus Columbia" widmet sich Tanovic der Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch dieses Kriegs im Jahr 1991. Hauptdarsteller ist der auch in unseren Breiten bekannte Schauspieler Miki Manojlovic (eigentlich: Predrag Manojlovic), der zuletzt in der Trojanow-Verfilmung "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" von Regisseur Stephan Komandarev die Hauptrolle spielte und vor allem als Protagonist in Emir Kusturicas "Underground" (1995) weithin bekannt wurde.

Wenige Stunden vor Kriegsausbruch

Mit dem Film "Cirkus Columbia", der bereits vor vier Monaten beim Festival von Venedig in der autonomen Reihe "Venice Days - Tage der Autoren" auffiel, kehrt Tanovic mit einer bitteren Erinnerung in das Jugoslawien des Jahrs 1991 zurück und zeigt ein Situationsbild sozusagen wenige Stunden vor Kriegsausbruch. Die Handlung der europäischen Koproduktion (Frankreich, Großbritannien, Belgien, Bosnien, Serbien, Slowenien, Deutschland) basiert auf der gleichnamigen Novelle von Ivica Dikic, der auch zusammen mit Tanovic das Drehbuch schrieb.

Nach den Jahren des Kommunismus findet in einer Kleinstadt im Süden Bosnien-Herzegowinas, kurz vor Kriegsausbruch, eine demokratische Wahl statt, alle Sympathisanten des früheren Systems werden wie selbstverständlich eingegliedert. Da sieht Divko Buntic (M. Manojlovic) nach Jahren des Exils die Stunde seiner Heimkehr gekommen - um sich zu rächen. Er kommt mit einer neuen Frau, einem neuen Mercedes, einer schwarzen Katze und viel Geld ... Was sich hier in der Story entfacht, ist der Auftakt zu einem, durchaus nicht heiteren, menschlichen Zirkus, in den Tanovic sein Publikum mitnimmt.

Otar Iosselianis "Chantrapas"

Bietet das in der Adria-Stadt von Annamaria Percavassi gegründete und geleitete Festival einen starken Akzent zum Auftakt, so kann sich auch das Finale am 26. Jänner im Festivalkino Teatro Miela am Triestiner Hafen sehen lassen: Da wird dem Publikum die jüngste Arbeit des französisch-georgischen Meisterregisseurs Otar Iosseliani (76) präsentiert: "Chantrapas" (2010), die voriges Jahr beim Festival in Cannes Erfolge feierte. Iosseliani erzählt eine autobiografische Geschichte, die in Georgien und Paris handelt. Der Meister der Bildsprache reflektiert darin den Wert der Kunst und der Meinungsfreiheit. Er ist in dem Film auch als Darsteller zu erleben.

Die drei Wettbewerbsreihen des Festivals - Langspielfilm, Dokumentation und Kurzfilm - versuchen wie jedes Jahr, schwerpunktmäßig die aktuellen Kino-Trends vor allem der Länder Ostmitteleuropas und Mitteleuropas aufzuspüren. Die Preise werden übrigens heuer erstmals vom Publikum vergeben. In der Spielfilmsektion ist unter anderem die deutsche Produktion "Krankheit der Jugend" zu sehen; des Wiener Regisseurs Dieter Berner ins heute versetzte Geschichte nach dem in den 1920er Jahren von Ferdinand Bruckner verfassten Bühnendrama (Drehbuch: Hilde Berger).

Berner, bekannt geworden in den siebziger Jahren als Regisseur von Wilhelm Pevnys und Peter Turrinis TV-"Alpensaga", wird zur Vorstellung seines Films am Sonntag in Triest erwartet. Nur wenige Tage später hat seine Theaterinszenierung "Ralph und Carol - Noch einmal verliebt" von Joe Di Pietro in den Wiener Kammerspielen Premiere. Berners Film erzählt von einer Wohngemeinschaft Berliner Medizinstudenten, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden noch einmal das Leben auskosten wollen. Sie fordern einander in Spielen um Macht, Drogen und sexuelle Abhängigkeit heraus. Der Streifen beeindruckt durch die authentische Darstellung des siebenköpfigen Ensembles, Studenten der Abschlussklasse Schauspiel an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg.

Cristi Puius schwarze Komödie

Weitere Spielfilmbeiträge sind unter anderen die schwarze Komödie "Aurora" des rumänischen Regisseurs Cristi Puiu ("Der Tod des Herrn Lazarescu", vor fünf Jahren hier mit dem Premio Trieste ausgezeichnet), "Besa" von Srdan Karanovic (einem Veteran des exjugoslawischen Kinos, der eine ungewöhnliche Alltagsgeschichte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs in Serbien erzählt; Protagonist ist auch hier Miki Manojlovic), ferner "Tilva Ros" des knapp 30-jährigen serbischen Regisseurs Nicola Lezaic, der für diese Story aus seiner Geburtsstadt Bor schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Lezaic erzählt von zwei jungen Skateboardern im Gebiet einer stillgelegten Kupfermine, "heute das größte Loch Europas", die hier am Ende ihrer Schulzeit einen Sommer verbringen.

Auch 17 Kurzfilme warten auf das Publikum in Triest, darunter ein österreichischer Beitrag: "Zweihundertundfünf" von Clara Stern, die von der kleinen Laura erzählt, die einen Traum in Realität umsetzt. Eine österreichisch-britische Doku ist in der Musikfilmreihe "Walls of Sound" (Klangmauern) zu sehen: "Vynil" ("Tales from the Vienna Underground"); ein Blick in Wiens musikalischen Underground mit Experimental-, Trash und Elektronikklängen aus Londoner (Regie-)Sicht von Andrew Standen-Raz.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-01-20 09:03:00
Letzte Änderung am 2011-01-24 13:13:00



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