
Wien. Stimmt schon, das Jahrzehnt seit 2001 war das der gestürzten Twin-Towers, der Terror-Achsen und des Siegeszuges der virtuellen Welt, mittels der die Realität schneller erfasst und gespiegelt wurde, als man "Echt?" fragen konnte. Aber in Erinnerung bleiben wird es auch als das Jahrzehnt der Potter-Generation. Wenn morgen der zweite Teil der Verfilmung des letzten "Harry Potter"-Bandes "Die Heiligtümer des Todes" im Kino startet, endet eine Ära, eine einzigartige Zeit des globalen Heranwachsens. Denn als kollektiv erlebte Adoleszenz vereinte die von Joanne K. Rowling erdachte Zauberer-Saga Kinder, Jugendliche - und deren Eltern wie keine Buchreihe je zuvor. Dass das Prinzip "selber lesen vs. bebildert werden" in diesem Fall so gut funktionierte, lag daran, dass es aus pragmatischen Gründen (Rechte kaufen, Drehbücher schreiben, Regisseure finden) erst 2001 möglich war, den ersten Teil ins Kino zu bringen - zu einem Zeitpunkt, da schon vier Bände der siebenteiligen Reihe in Buchform erschienen waren. Die "Harry Potter"-Saga hatte also bereits ein riesiges Fanpublikum, das durch die Filme nochmals sprunghaft anstieg. Wer wissen wollte, wie es weiterging, mit Harry, Hermine und Ron auf der Zauberschule Hogwarts, der wartete nicht auf den Film, sondern las vor allem auch den letzten Band, der 2007 erschien. Vier Jahre Galgenfrist später ist auch der kleinste Potterianer der ersten Stunde womöglich gerade auf Maturareise Komatrinken, und auch im Kino findet ein letztes Sterben statt: Der böse Lord Voldemort, der die Weltherrschaft an sich reißen will, muss vernichtet werden. Diktatoren-Sturz aus dem Kinderzimmer? Ja, das geht.
Vermischung von Realitäten und Zauberwelten
Die Vermischung von Zauberwelt und Realität ist ein wesentlicher Bestandteil in Rowlings bald zum Bildungsroman gewachsener Saga und ein wesentlicher Faktor in der Rezeption der Bücher. Denn während Harry und seine Freunde einerseits in einem Fantasy-Setting inmitten von Zauberwäldern standen, Riesen zum Freund hatten und gegen Todesser und jenen kämpften, dessen Name nie genannt werden durfte, hatten sie einen einerseits sehr realen Alltag, der von Schulproblemen, seltsamen Professoren und Fragen zu Freundschaft, Loyalität und erster Liebe geprägt war. Für die Kinder unter den Lesern schaffte die magische Komponente der Bücher oft einen Zugang, um auf ihren eigenen Alltag zu reflektieren, weshalb der schmächtige, bebrillte Zauberlehrling Harry Potter, der erst allmählich zum selbstbewussten Helden erwuchs, sogar Eingang in die pädagogische Psychologie fand: Untersuchungen zeigten, dass sich viele Kinder über das Alter Ego Harry Potter besser ausdrücken konnten, also schuf man in einigen Ländern "Harry Potter"-Klassen für verhaltensauffällige Schüler, die durch Harry verstanden, dass sie nicht die Einzigen waren, die ihre Eltern verloren haben, die misshandelt werden oder die Angst und Einsamkeit erlebt haben.
Doch nicht nur als Seelentröster - auch als Satansjünger wurde Harry Potter wahrgenommen, zumindest von christlichen Fundamentalisten (etwa auf der Homepage des "Christians Youth Center"), die im Potter-Zauber teuflische Magie erkannten und Harry gar als säkularen Religionsersatz in den Kinderzimmern einer entzauberten Moderne fürchteten. Sicher, im Grunde geht es bei "Harry Potter" nur um eines: Gut gegen Böse. Wie immer in Schöpfungsmythen, in Religionen, und der junge Harry hat durchaus Attribute einer trivialen Erlöserfigur. Aber in Hogwarts existierten weder Kirchen noch ein Gott. Obwohl: Ohne höheren Schutz kam auch Harry Potter nicht aus. Der Allmächtige in seiner Welt war der Internatsleiter, Professor Dumbledore, ein gütiger Zauberer mit langem Rauschebart. Kommt einem auch aus der "echten" Welt irgendwie bekannt vor, oder die wir zumindest dafür halten.
Potter-Saga ist Mixtur aus Sagen und Legenden
Im Spiel mit Magie und Wirklichkeit bewies J. K. Rowling eine schier unerschöpfliche Fantasie. Als Magierin der Wörter sah sie sich aber nie: "Alles stammt aus Sagen, Legenden, Dingen, die ich einst gelesen und dann zu einem eigenen Universum zusammengerührt habe", beschrieb sie selbst die Entstehung der Saga, die sie mit unglaublich fantasievoller Detailverliebtheit anreicherte.
Die Herausforderung der filmischen Adaption war immer, eine Geschichte zu erzählen, die funktioniert, auch wenn man grundsätzlich nicht weiß, was Quidditch, Squibs oder Muggels sind, und man weder mit Dementoren noch mit Denkarien vertraut ist. Doch: Als düster, brutal, nicht kindgerecht wurden vor allem die Verfilmungen ab dem fünften Band kritisiert, für die Regisseur David Yates verantwortlich zeichnet, und das gilt auch für den letzten Teil der Reihe. Tod, Mord und Intrigen sind längst Hauptbestandteile der Adaptionen, ebenso wie Action-geladene Spezialeffekte. Doch das Potter-Universum abzubilden hätte über Fantasy-Tricktechnik hinausgehen können, hinein in Ideologie-Fragen, die Rowling in dieser Saga immer schon in Anspielung auf die europäische Geschichte thematisiert hat - und die eine wesentliche (wenn auch großteils unbewusst rezipierte) Grundlage für den Erfolg der Buchreihe sind. Regisseur Yates brachte mit "Der Orden des Phönix" 2007 zum ersten Mal die Gegenwart der Streetgangs und Gewalt an den Schulen in die filmische Potter-Saga. Nervosität und lauernde Unsicherheit prägten hier das Klima, und Züchtungs- und Rassefantasien sowie die Vernichtungspropaganda einer Diktatur wurden in den Raum gestellt. All das findet in der Struktur von Voldemorts Herrschertum Ausdruck: Seine dunklen Armeen und uniformierten Gefolgs-Schüler, die die "inferioren Muggels" (Nicht-Zauberer) verabscheuen, sind auf Vernichtungs-Mission.
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