Venedig.

Baulich hat sich am Gelände, das nun seit Jahren "renoviert" wird, seitdem nicht viel getan und böse Zungen behaupten, das überrasche nicht. Mittlerweile wären die Pläne, einen neuen Palazzo del Cinema zu bauen, überhaupt verworfen, heißt es. Doch ein roter Teppich ist schnell wo ausgerollt, und so konnte auch die 68. Festival-Ausgabe mit einem Staraufgebot beginnen: Clooney als Regisseur und Hauptdarsteller des Polit-Drama-Thrillers "Ides of March" kam mit seinen Schauspielern Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti und Marisa Tomei an den Lido, wo er versicherte, ungleich seiner Rolle im Film "niemals" für das Amt des US-Präsidenten kandidieren zu wollen: "Da ist ein smarter, integrer Typ an der Macht und niemand weiß es zu schätzen. Schauspieler sind da weit besser dran." In stoischer, solider Manier inszeniert Clooney eine Geschichte um Verrat, Loyalität und Moral im Ambiente einer Wahlkampagne.
Viel Werbung brauchen die Filmfestspiele Venedig auch dieses Jahr nicht, was seine Stars angeht: Madonna präsentierte außer Konkurrenz ihren bereits zweiten Regie-Versuch "W.E.", eine veritabel verunglückte Inszenierung der Biografie von Wallis Simpson, zugunsten derer Edward VIII. damals auf den Thron verzichtete - die hysterischen Fans begeisterten sich dennoch.
Eine Farce über Fassaden
Im Wettbewerb eröffnen sich derweil Einblicke in psychische Abgründe anderer Art: Roman Polanskis Beitrag "Carnage", eine Adaption von Yasmina Rezas Theaterstück "Der Gott des Gemetzels", ist eine gelungene Farce über Fassaden: John C. Reilly, Jodie Foster, Christoph Waltz und Kate Winslet spielen zwei Ehepaare, denen sich nach einem gewalttätigen Vorfall zwischen ihren beiden elfjährigen Söhnen auf der Suche nach einer einvernehmlichen Lösung immer mehr die Hölle ihrer eigenen falschen Wertvorstellungen auftut. Polanskis dialoglastige Inszenierung bietet den idealen Rahmen für die bravourösen Leistungen des Ensembles.
Alltag von Prostituierten
Gesprächstherapie nach Anleitung ist das Thema von David Cronenbergs "A Dangerous Method". Teils in Wien drehte er die Verfilmung der verhängnisvollen Beziehung zwischen Sigmund Freud (Viggo Mortensen), den Psychiater Carl Jung (Michael Fassbender) und ihrer schönen, nymphomanischen Patientin Sabina Spielrein (Keira Knightley); ein kurzweilig inszenierter, gut gespielter, aber im Wesentlichen uninteressanter Film.
Mit Spannung erwartet wurde Michael Glawoggers neuer Film "Whores Glory", der am Freitag in der Sektion "Orizzonti" Premiere feierte: Mittels eines filmischen Tryptichons zeigt er den Alltag von Prostituierten in Thailand, Bangladesh und Mexiko, eine vor allem im dritten Teil starke Arbeit über die Dynamiken von Sehnsucht, Liebe, Sex und Selbstwert in einem veräußerten Konsum-System.
Erotik, Angst und Abgründe bestimmen auch das weitere Programm in Venedig: Samstagabend etwa zeigt Al Pacino seine Adaption von Oscar Wildes Skandalstück "Wilde Salome", am Sonntag kommt Steve McQueen mit Carey Mulligan für seinen Film "Shame" über die sexuellen Eskapaden eines 30-Jährigen, und am Mittwoch präsentiert Abel Ferrara sein Apokalypsen-Liebesdrama "The Last Day on Earth" mit Willem Dafoe in der Hauptrolle.
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