Venedig. Kein Terrorakt steckte dahinter, als bei der offiziellen Premiere des traditionellen Überraschungsfilms im Wettbewerb plötzlich Hunderte Menschen fluchtartig den Saal verließen. Wegen eines Schwelbrandes in der Decke musste die Vorstellung von "People Mountain People Sea" von Cai Shangiun für eine halbe Stunde unterbrochen werden - eine Vorführung, die die chinesische Zensur aber lieber ganz verhindert gesehen hätte. Denn Shangiun thematisiert hier nicht nur die unzumutbaren Arbeitsbedingungen in chinesischen Kohleminen, sondern auch die Korruption der Polizei. Anhand der Geschichte eines Mannes, der auf eigene Faust den Mörder seines Bruders sucht, entwickelt Shangiun einen grandios bebilderten Eastern, der sich allerdings permanent in der eigenen Langsamkeit zu verlieren droht. Als einer der Favoriten für die Preisverleihung der Goldenen Löwen am Samstag, darf "People Mountain People Sea" dennoch gewertet werden, denn sowohl asiatische Filme als auch gerade solche mit Zensurproblemen im Heimatland haben unter Festivaldirektor Marco Müller gepflegte Tradition in Venedig.
Konvention bestimmt jedenfalls die Mehrheit der aktuellen Favoriten am Lido; wenn auch die Wahl der Themen sehr divers und originell ist, bleiben Wettbewerbsbeiträge wie Steve McQueens "Shame", Roman Polanskis "Carnage" oder George Clooneys "Ides of March" im massentauglichen Inszenierungsstil: Brav chronologisch erzählt, gerne überdeutlich ihre Botschaften vor sich her tragend und in schönem Dekor. McQueen gibt in "Shame" immerhin Michael Fassbinder die Gelegenheit für eine herausragende Performance und damit die echte Chance auf einen Löwen als bester Darsteller: Als sexsüchtiger Mittdreißiger lässt er keine Möglichkeit zum Geschlechtsakt aus, und McQueen hat keine Scheu vor expliziten Dialogen und fordernden Szenen.
Mit tosendem Applaus aufgenommen wurde "Faust" des Russen Aleksandr Sokurov, eine mit großem Budget ausgestattete Produktion, und eine unglaublich feine, gelungene Adaption von Goethes bekanntestem Werk. Die Österreicher Georg Friedrich und Johannes Zeiler sind hier in den Rollen von Wagner und Faust zu sehen und behaupten sich souverän in einer Inszenierung, die das Bühnengeschehen eines Theaters mittels der Gleichzeitigkeit mehrerer Dialoge innerhalb einer Szene und innerhalb einer Einstellung in eine herausragende filmische Form gießt. Sokurovs mäandernder visueller Stil, den er in Filmen wie "Taurus" oder "Moloch" zum Exzess perfektionierte, hat in "Faust" erstmals wirklich seine dramaturgische Entsprechung gefunden. Der Duktus der Vorlage und der Duktus des Films vertragen einander reibungsfrei - als wäre "Faust" für Sokurov geschrieben worden.
Sexuelle Explizität
Eine unverkennbare Signatur trägt auch "Killer Joe", der neue Film von William Friedkin (im Wettbewerb). Im trostlosesten Texas gibt Matthew McConaughey einen Detective, der sich als Killer ein gutes Zubrot verdient. Als ihn allerdings der junge Chris (Emile Hirsch) anheuert, um seine Mutter umzubringen, weil der Rest der Familie das Geld ihrer Lebensversicherung dringender braucht als ihre Anwesenheit, gerät das Vorhaben völlig aus den Fugen. Friedkin inszeniert rasant, feiert die Genre-immanente Brutalität sowie einfallsreiche Variationen sexueller Explizität. Eine Mühe, die mit tosendem Beifall belohnt wurde. Bis zur Preisverleihung stehen zwei weitere asiatische Beiträge, sowie "Texas Killing Fields", das Regiedebüt von Amy Mann auf dem Programm.
Ob sich schlussendlich Tradition oder Originalität durchsetzt, wird auch ein Indikator für die weitere Ausrichtung des Festivals sein. Marco Müllers Direktorenschaft endet jedenfalls in diesem Jahr. Doch intern wird längst über die Fortsetzung seines Vertrages spekuliert; schließlich hat er das Festival in den letzten drei Jahren wieder zurück in die erste Liga des Filmschauens gebracht.
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