Wien. Es gibt Geschichten, die können scheinbar wieder und wieder erzählt werden, ohne ihren Reiz zu verlieren. "Jane Eyre" ist so eine Geschichte; Charlotte Brontës berühmter viktorianischer Liebesroman, erstmals 1847 erschienen, wurde bisher 18 Mal verfilmt, und doch wirkt der Zugang zu diesem Stoff über Leid und Liebe einer jungen Gouvernante auch in der 19. Version frisch und unverkitscht. Der junge US-Filmemacher Cary Fukunaga, der seit seinem Debütfilm, dem Flüchtlingsdrama "Sin Nombre" (2009), als Wunderkind gefeiert wird, hat sich der Geschichte angenommen, verzichtet auf Pathos und spielt lieber mit Horror-Elementen, um die Stimmung des Buches zu transportieren.
"Ich habe bewusst vermieden, mir die anderen Filmversionen anzusehen, um mich nicht beeinflussen zu lassen", sagt Fukunaga im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Außer diejenige mit Orson Welles und Joan Fontaine, aber das ist mehr zufällig passiert, als ich mal in der Videothek stand, und nicht wusste, was ich mir ausleihen sollte."
Romantisches Märchen und Geschichte über Integrität
Fukunaga hält sich akribisch an die Romanvorlage: Die Titelheldin Jane Eyre (Mia Wasikowska) ist 18 und mittellos, als sie die neue Stelle als Hauslehrerin im Herrenhaus Thornfield antritt. Jane, die bisher keine Liebeserfahrungen sammeln konnte, fühlt sich hingezogen zu dem Hausherrn, ihrem Brötchengeber, Edward Rochester (Michael Fassbender). Doch trotz seines offensichtlichen Interesses an ihr umwirbt er auch die schöne Blanche Ingram (Imogen Poots). Jane glaubt nicht mehr daran, Edward für sich gewinnen zu können - bis Rochester ihr überraschend einen Heiratsantrag macht. Jane wähnt sich im Glück, jedoch erwartet sie noch eine schlimme Überraschung.
"Das Buch ist einerseits ein romantisches Märchen, aber es ist auch ein Roman, in dem es um Integrität geht, und auch darum, wie man mit seinen eigenen Lebensentscheidungen umgeht", meint Fukunaga. "Im Fall von Jane ist es so, dass sie sich sogar von der Liebe abwendet, weil sie ihrem eigenen Moralkodex widerspricht. Sie will sich auf diesen Traum nicht wirklich einlassen. Dazu braucht es große Stärke, etwas, das die meisten Leute heute wohl nicht mehr hätten. Sie würden lieber unterderLiebe leiden oder sich selbst bestrafen, weil sie so sehr Angst hätten, ihre Liebe zu verlieren."
Fukunaga hat für seine hochgelobte Neuinterpretation ausschließlich den Roman als Quelle herangezogen. "Der Roman beinhaltet so viele detaillierte Beschreibungen abseits der Handlung - von den Figuren über die Settings bis zum Ton der Gesellschaft, in der er spielt", sagt Fukunaga. Selbst die Horror-Elemente sind im Buch vorhanden, und noch zahlreiche weitere Themen, die Fukunaga in den Film einbrachte. "Es gibt die Schilderung der Upper Class, die Betrachtung von Janes Moralvorstellungen und den wichtigen Aspekt ihres freien Willens, der Janes Stärke ausmacht."
Fukunaga bleibt dem Buch auch stilistisch treu. "Der Roman ist in der ersten Person geschrieben, und so habe ich auch den Film aus Janes Perspektive gedreht", so Fukunaga. "Charlotte Brontë hatte eine scharfe Beobachtungsgabe für Menschen, ihre Figuren sind daher sehr genau gezeichnet. Mit Jane erdachte sie eine Person, die eine eigene Meinung hat und sich nicht von anderen manipulieren lässt, sondern lieber ihrem Instinkt folgt. Das ist selten geworden, denn die meisten Menschen lassen sich von anderen lenken. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb diese Geschichte niemals ihren Reiz verliert."
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