Jedes der großen A-Festivals in Cannes, Venedig oder Berlin promotet gerne die Filme aus dem eigenen Land und hievt heimische Produktionen oft in den Wettbewerb, denn auch dafür müssen diese Filmschauen herhalten. Dieses Jahr ist der deutsche Film im Wettbewerb der Berlinale mit drei Filmen vertreten: "Gnade" von Matthias Glasner (47), "Barbara" von Christian Petzold (51) und "Was bleibt" von Hans-Christian Schmid (46). Alle drei Regisseur stammen aus Berlin und alle drei stellten in diesem Jahr bereits ihren fünften Film auf der Berlinale vor - und haben das sonst so selbstkritische Filmbashing des deutschen Feuilletons einigermaßen heil überstanden.
Nicht ganz zu Unrecht: Petzolds Drama, sein erster historischer Film, ist eine minutiöse Zuspitzung des Lebens im DDR-Überwachungsstaat, Glasners "Gnade" ist ein gehaltvoller Suspense-Cocktail, angesiedelt im hohen Norden, und vielleicht der beste Film dieses Festivals; nur Schmids Familien-Palaver "Was bleibt" verfehlt die hohe Latte, die derlei Dramen wettbewerbsfähig machen. Wettbewerbsfähig auf Filmfestivals, nicht an der Kinokasse, wohlgemerkt.
Gemein ist allen dreien die Nähe zur sogenannten Berliner Schule, oder auch deutschen Nouvelle Vague - auch wenn offiziell nur Petzold und Schmid dazuzählen. Bei einem ausgeprägten Stilwillen geht es ihnen weniger darum, spektakuläre Geschichten zu erzählen, sondern vielmehr alltägliche, aus eigener Erfahrung gespeiste Szenarien zu erforschen. Dabei präsentieren sie keinerlei Erklärungsmuster, im Gegenteil: Interessant ist das, was man nicht auf der Leinwand sieht.
Weder Petzold, Glasner noch Schmid bieten Alternativen zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem, sezieren es dennoch und reflektieren letztendlich auch die zunehmende soziale Unsicherheit und die Absturzängste der intellektuellen Mittelklasse, aus der diese Filmemacher selbst stammen. Der Mikrokosmos der Familie, der Zweierbeziehung oder einer Einzelfigur als - oft ausweglose - Verhandlungsbasis gesellschaftlicher Themen, sozusagen.
Ratlose Mittdreißiger
Ein gutes Beispiel hierfür ist Schmids Beitrag "Was bleibt". Im Prinzip eine klug erdachte Familienstudie, in der gut situierte Eltern und Söhne aneinandergeraten, aber bald eine Zirkulierung um eine seltsame Ereignislosigkeit: Die Mutter (Corinna Harfouch) scheucht das sensible Gefüge der Familie durch die Ankündigung auf, ihre Antidepressiva abzusetzen. Der Effekt auf die familieneigene Formation aus kleinen und größeren Geheimnissen fällt gewollt, aber nie wirklich greifbar aus. Im Kern verhandelt Schmid hier die interessante Thematik der Mittdreißiger-Kinder, die ihrer Zukunft so ratlos wie passiv gegenüberstehen, aber den komfortablen Lebensstandard, den ihre Eltern ihnen bieten konnten, aufrechterhalten wollen. Hans Christian Schmid, dessen explosiv-dichte Arbeiten "Lichter" oder "Requiem" voller Atmosphäre steckten, kann hier zu den tiefgreifenden Themen nicht wirklich vordringen. Doch das A-Festival Berlinale wertschätzt die Versuche seiner Ziehsöhne, denn wie viele von Schmids ausgezeichneten Arbeiten sind auch jene von Petzold oder Glasner ("Der freie Wille") hier zuerst gelaufen. Man bindet einen Stamm an Talenten an sich, um sich als Filmschau auch Entdecker nennen zu dürfen. "Was bleibt" ist keine Katastrophe, denn als "kleines Fernsehspiel" im Nachtprogramm findet der Film sicher seine Fans.
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