
Sie nennt ihn einfach "Glück". Doris Dörrie hat einen neuen Liebesfilm gedreht, in dem es um nicht weniger als das geht, wonach jeder im Leben strebt. "In Glück geht es um zwei sehr unglückliche Menschen, eine junge Frau aus einem Kriegsgebiet und einen obdachlosen Punk in Berlin. Die beiden verlieben sich ineinander, finden ihr Glück, doch eines Tages wird dieses Glück auf sehr tragische Weise herausgefordert", sagt Dörrie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Nachsatz: "Aber es gibt ein Happy End."
Die junge Irina (hervorragend: Alba Rohrwacher) kam vom Balkan, wo sie in Kriegszeiten missbraucht wurde, nach Deutschland. Sie ist eine Illegale, verdient sich ihr Geld am Straßenstrich. Ihre Liebe zum obdachlosen Kalle (Vinzenz Kiefer) steht plötzlich auf dem Spiel, als ein Freier beim Sex mit Irina stirbt. "Ich will zeigen, wie weit jemand für sein Glück gehen würde", sagt Dörrie, die mit "Glück" eine Kurzgeschichte des deutschen Strafverteidigers und Autors Ferdinand von Schirach verfilmt hat.
Dörrie hat in der Umsetzung ihrer Liebesgeschichte versucht, "einen Antagonismus zu machen: nämlich, das Glück, das man so schwer festhalten kann, in Bildern einzufangen. Glück ist sehr fragil, aber mir war wichtig, Bilder zu finden, die nicht nur das Glück der Figuren zeigen, sondern auch die Zuschauer glücklich machen." Ein Credo für Dörrie, die mit ihren Filmen - von "Männer" bis "Kirschblüten" - stets versucht, qualitative Unterhaltung zu bieten. "Ich glaube fest an die Intelligenz des Publikums, aber ich glaube auch daran, dass jeder, der ins Kino geht, in erster Linie unterhalten werden will. Das geht mir genauso. Ich will mich im Kino nicht langweilen."
"Etwas erleben"

Dörrie pflegt in vielen ihrer Filme deshalb eine gewisse Leichtigkeit, auch, wenn es sich um gewichtige Themen handelt: "Ich versuche, das Schwere leicht zu machen. Im Kino erhoffe ich mir große emotionale Erlebnisse. Wer einen Film von mir sieht, soll etwas erleben."
Im Gegensatz dazu sieht Dörrie einen Trend im Kunstkino, der dieser Bestrebung zuwiderläuft: "Meine Filme Kirschblüten oder Die Friseuse waren eigentlich klassische Arthaus-Filme, doch dann hatten sie so viele Zuschauer, dass sie zum Mainstream wurden. Diese Zuordnungen sind doch Quatsch. Wogegen ich mich wehre: dass viele Kollegen von vorneherein nur mehr Filme fürs Museum machen wollen. Festivals sind solche Museumssituationen. Dass man nicht gleichzeitig versucht, viele Leute zu erreichen und einen guten Film zu machen. Geschichten zu erzählen, für die Leute bereit sind, ihren Hintern von der Couch zu bewegen und ins Kino zu gehen - das ist die Herausforderung. Man kann nicht sagen: Es reicht mir, wenn mein Film auf einem Festival läuft. Nein, es reicht nicht!"
Noch immer ist Doris Dörrie als Frau in der "Männerdomäne" Filmregie in Deutschland relativ allein - 35 Jahre nach dem Beginn ihrer Karriere hatte sie sich schon Veränderungen erhofft, aber: "Leider hat sich kaum etwas geändert. Nur beim Fernsehen arbeiten heute mehr Frauen als damals, aber beim Kino, oder sobald die Budgets größer werden, sitzen nach wie vor die Jungs."
Woran das liegt? "Filmemachen lässt sich schwer mit Kinderhaben vereinbaren", meint Dörrie. "Ich habe das mit einem großartigen Partner, einem geduldigen Kind und viel Jonglieren geschafft, aber das ist schwer. Andererseits gibt es viele männliche Kollegen, die Beruf und Kinder prima kombinieren können. Wieso wohl? Das ist nicht nur beim Film so, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Für Frauen bleibt Beruf und Familie ein ziemlicher Eiertanz." Ein Ende dieses Zustandes scheint aber in Sicht: "Irgendwann wird es sich eine Gesellschaft nicht mehr leisten können, sehr gut ausgebildete Frauen nicht arbeiten zu lassen. Da kommt dann die knallharte Ökonomie zum Tragen."
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