• vom 19.03.2012, 16:15 Uhr

Film

Update: 14.03.2014, 13:37 Uhr

Diagonale

Ein Ort abseits der Landkarte








Von Alexandra Zawia und Matthias Greuling

  • Für ihr Spielfilmdebüt recherchierte Regisseurin Salomonowitz über binationale Paare.
  • "Spanien" eröffnet am Dienstag die Diagonale in Graz.
  • Die Regisseurin im Interview.

Gestrandet sind Sava (Grégoire Colin) und Magdalena (Tatjana Alexander) im Film "Spanien".

Gestrandet sind Sava (Grégoire Colin) und Magdalena (Tatjana Alexander) im Film "Spanien".

Nach ihren viel beachteten Dokumentationen "Das wirst du nie verstehen" und "Kurz davor ist es passiert" erzählt Regisseurin Anja Salomonowitz (in einer Zusammenarbeit mit dem Autor Dimitré Dinev) in "Spanien" die Geschichten verschiedener Menschen auf der Suche. Für manche der Figuren ist Spanien ein reales Asylziel, für andere ein undefinierter Zufluchtsort in ihrer Vorstellung, so die Regisseurin im Interview.

*****


"Wiener Zeitung": In Ihrem Film strandet der moldawische Flüchtling Sava auf seinem Weg nach Spanien im Burgenland. Was war Ihre Ausgangsidee?

Anja Salomonowitz: Es hat einen bestimmten politischen Grund, warum Sava nach Spanien will. Ich hatte für einen Dokumentarfilm über binationale Paare recherchiert, also Menschen, die mit jemandem aus einem Drittstaat verheiratet sind. Viele haben erzählt, dass Spanien bezüglich illegaler Einwanderer viel liberaler sei als andere Länder. Es gab dort mittlerweile sieben Legalisierungswellen, und der Staat hat jenen Menschen, die illegal im Land leben, angeboten, innerhalb einer Frist aufs Amt zu gehen und sich eintragen zu lassen. Ich wollte im Prinzip aber auch der Frage nachgehen, wie durch die Reglementierungen der Fremdenpolizei Beziehungen unmöglich gemacht werden und gar Liebe zerstört wird. Für andere Figuren in diesem Film ist Spanien ein Ort der Sehnsüchte, ein Symbol für ein besseres Leben, ein Ort, der in ihren Vorstellungen liegt, nicht auf einer Landkarte.

Information

Zur Person

Anja Salomonowitz, 1976 in Wien geboren, studierte Regie und Schnitt in Wien und Babelsberg. Mit "Spanien" war sie in die Sektion Forum der Berlinale 2012 geladen.

Was hat Sie für diesen Film mit Dimitré Dinev zusammengeführt?

Nachdem ich mich einige Zeit mit dem Thema befasst hatte, war mir schnell klar, dass ich lieber zu zweit schreiben wollte, mit jemandem, der die Figur des jungen Ausländers besser erfinden konnte. Eine Freundin empfahl mir Dimitré, das war vor nun fast fünf Jahren. Nach einer ersten Schreibphase von etwa sieben Wochen ließen wir das Skript liegen und haben es erst zwei Jahre später überarbeitet. Wir wollten versuchen, diese Geschichte über Flucht und Fremdenpolizei mit Sehnsucht und Leben, mit etwas Tiefem durchdringen. Beim Sehen dieses Films sollte ein Gefühl von vielen Geschichten entstehen.

Anja Salomonowitz im Interview

Dies setzen Sie konsequent auf der visuellen Ebene des Films um: Erdfarben dominieren auch im Detail und geben den Bildern Textur.

Alle meine Filme waren bisher von jeweils einer Farbe dominiert. "Das wirst du nie verstehen" war weiß und "Kurz davor ist es passiert" eher rosa. Nun ist es braun, erdfarben, gelb. Braun ist die Farbe der Western. Der Sand, die Erde ist braun, der kultivierte Boden, also gewonnener Boden, fruchtbarer Boden. Es ist die Farbe bodenständiger Menschen sozusagen. Für mich sind Farben und Textur der Bilder sehr wichtig, dabei möchte ich aber nicht sagen müssen: Das ist braun, sondern die Farben sollen aus den Dingen herauskommen.

So wird im Film auch fast nur mit bräunlichen 50-Euro-Scheinen bezahlt...

Genau (lacht). Für eine Szene hatten wir außerdem eine Wohnung angemietet, in der die Fliesen im Badezimmer weiß waren, mit kleinen blauen dazwischen. Das passte ja nun überhaupt nicht in diesen Film. Meine großartige Ausstatterin, Maria Gruber, hat also in einem Kopierladen 4000 Aufkleber machen lassen und dann jeden einzelnen blauen Fliesenstein überklebt. Das Problem war, dass der Vermieterin des Bades das überhaupt nicht gefallen hat - und wir nach dem Dreh wieder jeden einzelnen Aufkleber ablösen mussten.

Anja Salomonowitz.

Anja Salomonowitz.© Foto: Dor Film Anja Salomonowitz.© Foto: Dor Film

Flucht, Asyl und Migration sind gerade auch in aktuelleren österreichischen Filmen Thema. Was kann Film hier leisten?

Der Abgegriffenheit und Abstumpfung entgegenwirken vielleicht. Die Abschiebungspolitik, die Grenzen und der Umgang mit Menschen an diesen Grenzen stellen ein realpolitisches Drama dar. Dass manche Personen oder gar Instanzen versuchen, Migration zu leugnen, spiegelt den aktuellen politischen Wahnsinn und einen unglaublichen Zynismus wider. Ich sehe mich nicht als Weltverbesserin oder bin auch nicht naiv idealistisch. Aber ich glaube, dass es nicht schaden kann, daran zu erinnern, was die Süchte, Bedürfnisse und Sehnsüchte sind, die alle Menschen im Grunde gemeinsam haben. Klar ist das die Liebe, aber es ist nicht immer so einfach. Eine Antwort auf die Frage, was Film hier leisten kann, wäre zum Beispiel, wie in "Spanien", einen Fremdenpolizisten zu einer poetischen Figur zu machen.

Anja Salomonowitz im Interview


Die Wiener Regisseurin Anja Salomonowitz über ihren ersten Spielfilm "Spanien", der auf der Berlinale uraufgeführt wird.

Die Wiener Regisseurin Anja Salomonowitz über ihren ersten Spielfilm "Spanien", der auf der Berlinale uraufgeführt wird.



Schlagwörter

Diagonale, Festival, Film

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-03-19 15:56:09
Letzte nderung am 2014-03-14 13:37:18



Das Gesetz der Familie

Gangster im Wohnwagen

Michael Fassbender und sein Filmvater Brendan Gleeson (r.) geraten in "Das Gesetz der Familie" ordentlich aneinander. - © Filmladen Das Größte war für den alternden Patriarchen Colby Cutler (Brendan Gleeson) immer, sich und seine Familie vor "denen da oben" zu schützen... weiter




The Promise

Doktor Schiwago in Armenien

Oscar Isaac und Charlotte Le Bon verlieben sich ineinander in stürmischen Zeiten - der Erste Weltkrieg steht vor der Tür. - © Polyfilm In Siroun, einem Dorf im Süden der Türkei, leben türkische Muslime und armenische Christen seit Jahrhunderten zusammen... weiter




Final Potrait

Vom Wert des Zweifels

Alberto Giacometti , gespielt von Geoffrey Rush, ist trotz großen Erfolgs in einer immerwährenden Sinnkrise gefangen. - © Filmladen Alberto Giacometti war überzeugt davon, dass weder seine Kunst Bestand habe noch die von berühmten Zeitgenossen wie Picasso. Er hat sich getäuscht... weiter





Werbung



Kommentar

Also doch: Nessie lebt!

Die Studie zum Dinokiller-Asteroiden ist einfach ein Knüller! Da gibt es zwar ein Computermodell und Zahlen und Fakten... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der deutsche Wald ohne Baum und Borke
  2. Ein 90-jähriger Wunderknabe
  3. Vergnügen mit größtmöglichem Chaos
  4. Legende Jerry Lewis gestorben
  5. "Guter Vorsatz ist der neue Luxus"
Meistkommentiert
  1. Harte Fronten im Römersteinbruch: Keine Oper 2018
  2. Der Hausmeister von Graceland
  3. Aus der Feder des "Rehsodomiten": Bambi wird 75
  4. "Unvorstellbar, dass man sich widersetzt"
  5. Kunst

"Zusammenspiel" von Irene Charlotte Jahn.

Am Montagabend feierte Michael Haneke mit "Happy End" zum siebenten Mal Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Monica Bellucci war die Gastgeberin beim Auftakt des Festivals: Eine ehrenvolle Rolle, bei der man durch den Gala-Abend führt. Entsprechend chiczeigte sich die inzwischen 52-Jährige.

Fesselndes am letzten Wochenende in Krems: "Durational Rope" von Quarto brachten Seile unter anderem zum Tanzen. Blixa Bargeld und eines seiner Instrumente.

Quiz



Werbung



Werbung