• vom 19.03.2012, 16:15 Uhr

Film

Update: 20.03.2012, 14:45 Uhr
  • Artikel
  • Video
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Für ihr Spielfilmdebüt recherchierte Regisseurin Salomonowitz über binationale Paare.

Ein Ort abseits der Landkarte


Von Alexandra Zawia und Matthias Greuling

  • "Spanien" eröffnet am Dienstag die Diagonale in Graz.
  • Die Regisseurin im Interview.

Gestrandet sind Sava (Grégoire Colin) und Magdalena (Tatjana Alexander) im Film "Spanien".

Gestrandet sind Sava (Grégoire Colin) und Magdalena (Tatjana Alexander) im Film "Spanien".

Nach ihren viel beachteten Dokumentationen "Das wirst du nie verstehen" und "Kurz davor ist es passiert" erzählt Regisseurin Anja Salomonowitz (in einer Zusammenarbeit mit dem Autor Dimitré Dinev) in "Spanien" die Geschichten verschiedener Menschen auf der Suche. Für manche der Figuren ist Spanien ein reales Asylziel, für andere ein undefinierter Zufluchtsort in ihrer Vorstellung, so die Regisseurin im Interview.

*****

"Wiener Zeitung": In Ihrem Film strandet der moldawische Flüchtling Sava auf seinem Weg nach Spanien im Burgenland. Was war Ihre Ausgangsidee?

Anja Salomonowitz: Es hat einen bestimmten politischen Grund, warum Sava nach Spanien will. Ich hatte für einen Dokumentarfilm über binationale Paare recherchiert, also Menschen, die mit jemandem aus einem Drittstaat verheiratet sind. Viele haben erzählt, dass Spanien bezüglich illegaler Einwanderer viel liberaler sei als andere Länder. Es gab dort mittlerweile sieben Legalisierungswellen, und der Staat hat jenen Menschen, die illegal im Land leben, angeboten, innerhalb einer Frist aufs Amt zu gehen und sich eintragen zu lassen. Ich wollte im Prinzip aber auch der Frage nachgehen, wie durch die Reglementierungen der Fremdenpolizei Beziehungen unmöglich gemacht werden und gar Liebe zerstört wird. Für andere Figuren in diesem Film ist Spanien ein Ort der Sehnsüchte, ein Symbol für ein besseres Leben, ein Ort, der in ihren Vorstellungen liegt, nicht auf einer Landkarte.

Information

Zur Person

Anja Salomonowitz, 1976 in Wien geboren, studierte Regie und Schnitt in Wien und Babelsberg. Mit "Spanien" war sie in die Sektion Forum der Berlinale 2012 geladen.

Was hat Sie für diesen Film mit Dimitré Dinev zusammengeführt?

Nachdem ich mich einige Zeit mit dem Thema befasst hatte, war mir schnell klar, dass ich lieber zu zweit schreiben wollte, mit jemandem, der die Figur des jungen Ausländers besser erfinden konnte. Eine Freundin empfahl mir Dimitré, das war vor nun fast fünf Jahren. Nach einer ersten Schreibphase von etwa sieben Wochen ließen wir das Skript liegen und haben es erst zwei Jahre später überarbeitet. Wir wollten versuchen, diese Geschichte über Flucht und Fremdenpolizei mit Sehnsucht und Leben, mit etwas Tiefem durchdringen. Beim Sehen dieses Films sollte ein Gefühl von vielen Geschichten entstehen.

Anja Salomonowitz im Interview

Dies setzen Sie konsequent auf der visuellen Ebene des Films um: Erdfarben dominieren auch im Detail und geben den Bildern Textur.

Alle meine Filme waren bisher von jeweils einer Farbe dominiert. "Das wirst du nie verstehen" war weiß und "Kurz davor ist es passiert" eher rosa. Nun ist es braun, erdfarben, gelb. Braun ist die Farbe der Western. Der Sand, die Erde ist braun, der kultivierte Boden, also gewonnener Boden, fruchtbarer Boden. Es ist die Farbe bodenständiger Menschen sozusagen. Für mich sind Farben und Textur der Bilder sehr wichtig, dabei möchte ich aber nicht sagen müssen: Das ist braun, sondern die Farben sollen aus den Dingen herauskommen.

So wird im Film auch fast nur mit bräunlichen 50-Euro-Scheinen bezahlt...

Genau (lacht). Für eine Szene hatten wir außerdem eine Wohnung angemietet, in der die Fliesen im Badezimmer weiß waren, mit kleinen blauen dazwischen. Das passte ja nun überhaupt nicht in diesen Film. Meine großartige Ausstatterin, Maria Gruber, hat also in einem Kopierladen 4000 Aufkleber machen lassen und dann jeden einzelnen blauen Fliesenstein überklebt. Das Problem war, dass der Vermieterin des Bades das überhaupt nicht gefallen hat - und wir nach dem Dreh wieder jeden einzelnen Aufkleber ablösen mussten.

Anja Salomonowitz.

Anja Salomonowitz.Foto: Dor Film Anja Salomonowitz.Foto: Dor Film

Flucht, Asyl und Migration sind gerade auch in aktuelleren österreichischen Filmen Thema. Was kann Film hier leisten?

Der Abgegriffenheit und Abstumpfung entgegenwirken vielleicht. Die Abschiebungspolitik, die Grenzen und der Umgang mit Menschen an diesen Grenzen stellen ein realpolitisches Drama dar. Dass manche Personen oder gar Instanzen versuchen, Migration zu leugnen, spiegelt den aktuellen politischen Wahnsinn und einen unglaublichen Zynismus wider. Ich sehe mich nicht als Weltverbesserin oder bin auch nicht naiv idealistisch. Aber ich glaube, dass es nicht schaden kann, daran zu erinnern, was die Süchte, Bedürfnisse und Sehnsüchte sind, die alle Menschen im Grunde gemeinsam haben. Klar ist das die Liebe, aber es ist nicht immer so einfach. Eine Antwort auf die Frage, was Film hier leisten kann, wäre zum Beispiel, wie in "Spanien", einen Fremdenpolizisten zu einer poetischen Figur zu machen.

Anja Salomonowitz im Interview


Die Wiener Regisseurin Anja Salomonowitz über ihren ersten Spielfilm "Spanien", der auf der Berlinale uraufgeführt wird.

zurück zum Artikel


Die Wiener Regisseurin Anja Salomonowitz über ihren ersten Spielfilm "Spanien", der auf der Berlinale uraufgeführt wird.



Schlagwörter

Diagonale, Festival, Film

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-19 15:56:09
Letzte Änderung am 2012-03-20 14:45:00


Beliebte Inhalte



Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Film (links) und Wirklichkeit: Bob  Dylan, Karen Dalton und Fred Neil im Cafe Wha? im Februar 1961. - Constantinfilm
  • Die Coens begeistern mit einer Mischung aus ihrem typischen Humor und weniger typischer Ernsthaftigkeit
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Valeria Golino (links) und ihre famose Hauptdarstellerin Jasmine Trinca bei den Dreharbeiten zu "Miele"
  • "Miele" ist ein überaus gelungenes Erstlingswerk.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

National-flämischer Umgang mit Comic Strips. - Zeichnung: François Schuiten, Collage: WZ Online
  • Zeichner François Schuiten ist schockiert
  • weiter

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. - APAweb / EPA/JUSTIN LANE Jede Woche neu: ein aktuelles Bild aus der Welt der Kunst und Kultur. Falls Sie diesbezüglich Vorschläge haben, schicken Sie uns doch eine Mail.weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter




Werbung



Bis zum letzten Blutstüpfelchen

Mia (Jane Levy) wirft die Kettensäge an. - sony (fan) In den 1970er und frühen 1980er Jahren zog das Indie-Kino auch im Horror-Genre kräftig gegen die Tabus der US- Filmindustrie zu Felde... weiter




"Der große Gatsby": buntes Literaturkonfetti in einer opulenten 3D-Party

Hoffnung ist Schampus

Früher war eindeutig mehr Lametta: Nick (T. Maguire) und Jordan Baker (Elizabeth Debicki) tanzen bei Gatsby. - Warner Es ist ein verführerischer Text. Es gibt eine Theaterfassung des "Großen Gatsby", in der ein Schauspieler in einem Büro-Setting das ganze Buch... weiter




Neu im Kino

Von Ja- und Nein-Sagern

Werbe-Guru Rene Saavedra (Gael Garcia Bernal) weiß nicht, woran er glaubt - bis er beginnt, es anderen Leuten zu verkaufen. - Filmladen "No" ist der vierte Film des 36-jährigen chilenischen Regisseurs Pablo Larraín und der dritte in seiner Reihe von Filmen über die Ära des Diktators... weiter





Wilde Irrfahrt durch eine mittelalterlich-fantastische Welt voller Intrigen, Verrat, geschickt gesponnen und spannend erzählt

Game Of Thrones, Staffel 2

20130510DVD1 - - Es gibt Serien, denen geht schon in der ersten Staffel die Luft aus. Manchen auch erst in der zweiten. Und dann gibt es solche... weiter




Trittbrettfahrer von "Twilight", "Being Human" und Co

Wolfblood, Staffel 1

20130510DVD2 - - Diesmal stehen nicht die Vampire im Mittelpunkt, sondern ihre Gegner, die Werwölfe. Hier heißen sie allerdings Wolfsblüter... weiter




Öl ist dicker als Blut, das Motto der Ewings

Dallas, Staffel 1

20130510DVD4 - - Öl ist dicker als Blut, das war das Motto der Ewings, die uns in "Dallas" jahrelang das Intrigenspinnen lehrten.Nun kommt die nächste Generation... weiter



Quiz



Werbung