• vom 30.03.2012, 13:30 Uhr

Film

Update: 30.03.2012, 13:44 Uhr

Science Fiction

Das Schweigen der Bilder




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Von Alexander Kluy

  • Am 4. April dieses Jahres würde der russische Filmregisseur Andrej Tarkowskij 80 Jahre alt. Die sieben Filme, die er gedreht hat, haben die Möglichkeiten des Kinos neu definiert.

Szene aus dem Science-Fiction-Film "Solaris". - © Icestorm-Verlag

Szene aus dem Science-Fiction-Film "Solaris". © Icestorm-Verlag

"Nun liegt also mein erster Film hinter mir, den ich nicht in der Heimat drehte. Immerhin tat ich das noch mit offizieller Erlaubnis der sowjetischen Filmbehörden, was mich seinerzeit nicht sonderlich wunderte, da ich den Film ja für mein Land und wegen meines Landes machte . . . Dies schien allen klar zu sein, obwohl die weiteren Ereignisse dann noch einmal demonstrierten, wie verhängnisvoll fremd meine Absichten und Filme der sowjetischen Filmadministration blieben." Dies schrieb Andrej Tarkowskij 1984. Da war sein Film "Nostalghia", der im Jänner desselben Jahres in die Kinos gekommen war, bereits euphorisch von der Kritik und geradezu kultisch vom Publikum aufgenommen worden. Und da lebte der Russe, nach der Zwischenstation Berlin-West, in Paris und hatte knapp zwei Jahre zuvor sein jüngstes Projekt in Italien gedreht, im Exil.


Der am 4. April 1932 geborene Regisseur, Sohn des Lyrikers und Übersetzers Arseni Tarkowskij, wächst in der südöstlich von Moskau gelegenen Künstlerdatschensiedlung Peredelkino auf (dort leben auch der Dichter Boris Pasternak, der LiteraturwissenschafterMichail Bachtin und der Autor Isaak Babel). "Die Tarkowskis", so der heute im deutschen Exil lebende, aus Leningrad/St. Petersburg gebürtige Autor Oleg Jurjew, "entstammten nicht einfach dem Adel, ihre Vorfahren sollen Schamchals, dass heißt Fürsten oder gar Könige des kaukasischen Volkes der Kumiken gewesen sein, die auf der Burg Tarki (in Dagestan) residierten." Aber schon lange vor Arseni Tarkowskij (1907-1989), dessen Gedichte nicht gedruckt wurden, war die Familie russifiziert.

Grüblerisch dunkel
Kurz nach der Geburt von Andrejs jüngerer Schwester Marina verlässt der Vater die Familie. 1951 nimmt Andrej in Moskau ein Sprachenstudium auf, bricht es ohne Abschluss ab, schließt sich ein Jahr lang als Arbeiter einer Forschungsgruppe an, die am Kurejka, einem Seitenfluss des Jennisej in Sibirien, Gold sucht.

1954 wird Tarkowskij an der Moskauer Filmhochschule inskribiert, analysiert die Filme des in Spanien geborenen, später nach Mexiko ausgewanderten Luis Buñuel und jene des ihm viel verwandteren, grüblerisch dunklen schwedischen Existenzialisten Ingmar Bergman (der ihn seinerseits später zu den größten Regisseuren des 20. Jahrhunderts zählen wird). 1960 macht er den Abschluss mit dem biographisch inspirierten Film "Die Straßenwalze und die Geige", der ob seiner poetischen Aspekte für damalige Sowjetverhältnisse in hohem Maße ungewöhnlich ist und für Aufsehen sorgt.

Im Jahr darauf wird ihm die Regie an einem steckengebliebenen Projekt der großen staatlichen Produktionsfirma Mosfilm übertragen, "Iwans Kindheit". Tarkowskij dreht nach neuem, eigenem Skript im Sommer 1961 den Film über den Bub Iwan, der sich im Zweiten Weltkrieg als fast überlebensgroßer Held erweist, am Ende umkommt, doch sich für die Gemeinschaft aufgeopfert hat. Als Michail Romm, Andrej Tarkowskijs Lehrer an der Filmhochschule in Moskau, ein halbes Jahr später ausgewählten Mitgliedern des Filmverbands der Sowjetunion den fertigen Streifen, den ersten abendfüllenden Spielfilm seines Schülers vorstellte, soll er die Vorführung mit den Worten eingeleitet haben: "Freunde, heute werdet ihr etwas Ungewöhnliches sehen. Etwas, das es bisher auf unserer Leinwand noch nicht gab."

Denn was auf dem Papier nach Propaganda und Lob aufs am Ende siegreiche sozialistische Kollektiv klingt, in der Erzählung Wladimir Bogomolows, auf der der Film basiert, mit plumpen Händen zu greifen, das wird bei Tarkowskij zu einer Traumgespinstmontage aus Poesie, Panzern, Einsamkeit, Melancholie, Zerstörung, Leidenschaft, verlorener Kindheit und, besonders bemerkenswert, Individualität. Auslandspreise regnen auf Tarkowskij nieder, so der "Goldene Löwe" der Filmfestspiele von Venedig.

Märtyrer der Kunst
Doch mit dem folgenden Film, den Tarkowskij wie alle anderen Filme, die er bis zu seinem Krebstod am 29. Dezember 1986 realisierte, selbst schrieb, mit "Andrej Rubljow" über einen mittelalterlichen Ikonen- und Freskenmaler, der durch ein von Tataren verheertes Russland wandert und ganz der Kunst in kunstfernen Zeiten dient, beginnt sein Ringen mit der sowjetischen Filmbürokratie. Diese Zeit trägt wesentlich zum fast ikonischen Märtyrerstatus Tarkowskijs bei.

Die erste Idee für diesen Film, in dem er schon das Prinzip ungewöhnlich langsamer, erhaben stiller, sorgsam komponierter Bilder praktiziert, hatte er 1961, gedreht wurde 1964/65. 1967 für die Filmfestspiele in Cannes nominiert, muss er ihn auf Druck von oben zurückziehen. Erst 1973 ist "Andrej Rubljow" ohne Einschränkung in der Sowjetunion zu sehen.

Ähnlich mühselig sind seine Kämpfe bei "Solaris" (1971/72), "Der Spiegel" (1973/74) und dem endzeitlich düsteren "Stalker" (1978/79). Denn Tarkowskijs rigoroser Anspruch, seine Subjektivität, sein Bildermystizismus, sein Glaube an die Kunst als Religion kollidierten heftig mit den ideologischen Vorgaben des Sowjetimperiums. Deutlich wird dies, als er bei einer Debatte über "Der Spiegel" kategorisch sagt: "Da der Film immer eine Kunstform ist, braucht er nicht in höherem Maße verständlich zu sein als es die übrigen Künste sind. In der Popularität eines Filmes bei den Massen vermag ich keinen Sinn zu entdecken." Eine deutlichere Zurückweisung von Politpropaganda und kommunistischer Massenkunst ist nicht denkbar.

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Schlagwörter

Science Fiction, Extra, Film, Russland

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-03-29 18:50:09
Letzte Änderung am 2012-03-30 13:44:35



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