
"Alle machen jetzt Marilyn. Es gibt einen Film, ihre Tagebücher, es gibt sogar eine App: Wenn du auf das iPad bläst, dann fliegt ihr Kleid in die Höhe!" Das erzählt die Komponistin Julia Houston in der neuen US-TV-Serie "Smash" - um sich dagegen zu wehren, ein Musical über Marilyn Monroe zu schreiben. Erfolglos, natürlich - wie so viele vor ihr wird auch sie einsehen, dass die Geschichte des größten amerikanischen Filmstars, gern auch pauschal als "Mythos" bezeichnet, zu verlockend ist, um sie nicht wieder und wieder zu erzählen.
Kaum eine Figur der jüngeren Kulturgeschichte hat sich in vergleichbarem Ausmaß in die kollektive Kreativität hineingearbeitet wie die archetypische Blonde mit dem Schönheitsfleck. Marilyn Monroe ist mit ihrem verhunzten Leben und ihren verhuschten Gesten zum Allgemeingut der Popkultur geworden, mit dem man machen kann, was man will. Und das hört keineswegs bei Schockrocker Marilyn Manson auf, der sich ihren Vornamen geliehen hat, um ihn mit dem Nachnamen des Killers Charles Manson zu vermählen.
Elvis als Superheld
Auf ähnliche Weise bedient man sich höchstens noch an Elvis Presley. Er ist etwa der (Super-)Held in einer eigenen Krimireihe von Daniel Klein. Diese Romane tragen so barocke Titel wie "Viva Las Vengeance: A Murder-Mystery featuring Elvis Presley". Der Autor ist eingefleischter Fan und Kenner der King-Biografie: Auf die Idee, dem Superstar ein Doppelleben als Detektiv zu schenken, kam er, weil er gelesen hatte, dass Presley sich massiv für Ermittlerarbeit interessierte und allerlei Memorabilien wie Polizeiabzeichen gesammelt hat.
Im Internet findet man naturgemäß noch mehr Beachtliches, dass sich lose am Leben des King orientiert. Das lässt sich aber alles recht ungeniert unter dem Begriff "Fanfiction" einordnen - ambitioniert, aber letztlich laienhaft, und irgendwie überraschend, dass es, wie bei Daniel Klein, tatsächlich einen Verleger findet.
Aber es gibt auch ernst zu nehmende Ergebnisse der Beschäftigung mit dem King, etwa im Film "True Romance" von Tony Scott - wenn er da auch nicht so wohlwollend behandelt wird wie von den schreibenden Fans. Immerhin erscheint hier der Elvis-Geist (gespielt von Val Kilmer) als Todesengel, der zum Mord aufruft.
Etwas weniger kultig, dagegen direkt positiv fällt die Fiktionalisierung einer anderen Über-Figur unseres Medienzeitalters aus: Lady Di in Sue Townsends "The Queen and I". In dem Roman wird die britische Monarchie abgeschafft und die Royal Family landet gesammelt im Sozialbau in einem Londoner Vorort. Während sich Queen Mum relativ schnell akklimatisiert - Gin gibt es da wie dort -, tut sich die Prinzessin schwerer. Erst eine Affäre hilft ihr, sich davon abzulenken, dass Prinz Charles sich nur mehr für Biodünger im Schrebergarten interessiert. Diese Satire entstand übrigens vor dem Unfalltod der Prinzessin - das unterscheidet sie von den meisten Fiktionalisierungen ähnlicher Leidensgenossen. Da war es erst der tragische Tod, der einen normalen Star zur sogenannten Ikone aufgeladen hat. Nur nicht bei Marilyn Monroe: Mit ihr haben sich Dichter schon zu Lebzeiten beschäftigt - das dürfte ihr, die sich, für viele unvorstellbar, unter anderem für James Joyces "Ulysses" begeistern konnte, gefallen haben. Truman Capote beispielsweise traf sie und schrieb einige Porträts über die Schauspielerin.
Das Monroetische Magnetfeld
Nach ihrem Tod versuchte sich Norman Mailer 1973 an einer Biografie - und dürfte damit einen Trend gesetzt haben. Denn schon er legte selbstbewusst keinen Wert auf zu viel historische Richtigkeit. Die Fülle an Legenden und Interpretationsmöglichkeiten in ihrer Vita wurde zum narrativen Fundus, aus dem man nach Belieben Versatzstücke herausholen kann, die man immer wieder neu zusammenpuzzelt. Eine Art Monroetisches Magnetfeld führt dann dazu, dass sich doch alles wieder so zusammenfügt, dass dieses eine Bild herauskommt: das Bild der archetypischen Blonden mit dem Schönheitsfleck und der mysteriösen Anziehungskraft. Die Person der Norma Jeane Baker wird zur für alle gebrauchbaren Persona der Marilyn Monroe.
Das betrifft keineswegs nur das berühmte Aussehen und Auftreten der Frau. Aber das auch. Im Internet gibt es zahllose Anleitungen, die erklären, "Wie man wie Marilyn posiert" oder "Wie man wie Marilyn aussieht". Das dürfte sich so manches Starlet zu Gemüte geführt haben, das in den letzten Jahren auf Modemagazinen als Monroe-Kopie zu sehen war. Das Spektrum reicht von Beyoncé (schwarze Monroe) über Scarlett Johansson (unschuldige Monroe) zu Angelina Jolie (schlampige Monroe). Lindsay Lohan versuchte ein Comeback nach allerlei Eskapaden mit einer Nachäffung des berühmten Schleiertanz-Nacktshootings, das Bert Stern kurz vor Monroes Tod gemacht hatte. Diese Anmaßung tat Lohans Karriere erwartungsgemäß nicht gut. Solche Imitationsversuche führen so manches zutage: bei einem angesagten Model wie Agyness Deyn etwa, dass Ausstrahlung nicht allein mit einem extravaganten Haarschnitt zu tun hat. Oder bei Britney Spears, dass sich manches nie ändern wird: Sie schaffte die wohl billigste Version des ikonisch hochwehenden Kleids in der Geschichte der Windmaschine. Und dabei gibt es Pornodarstellerinnen, die nach der Monroe modelliert sind!
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