• vom 17.04.2012, 16:31 Uhr

Film

Update: 13.09.2012, 21:23 Uhr
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Susanne Brandstätter über ihre Kambodscha-Doku "The Future’s Past"

Ein Land als Gefängnis


Von Matthias Greuling

  • Das Terror-Regime der Roten Khmer in Kambodscha wirkt bis heute nach.

Junge Kambodschaner beginnen Fragen nach der Vergangenheit ihrer Eltern zu stellen.

Junge Kambodschaner beginnen Fragen nach der Vergangenheit ihrer Eltern zu stellen.

Wien. Welche Nachwirkungen haben totalitäre Systeme auf die Menschen, die in ihnen leben? Welche auf die folgenden Generationen? Fragen, die die in Los Angeles geborene und in Österreich lebende Filmemacherin Susanne Brandstätter für ihre neue Arbeit "The Future’s Past"  interessierte.

In der Doku unternimmt sie eine Spurensuche in Kambodscha, das bis heute unter der einstigen Herrschaft Pol Pots und der Roten Khmer leidet. Zwischen 1975 und 1979 starben unter dem Regime an die zwei Millionen Menschen. Bislang wurde diese Vergangenheit in Kambodscha nur wenig aufgearbeitet, ja geradezu totgeschwiegen. Doch seit das Rote-Khmer-Tribunal 2006 seine Arbeit aufnahm, drängen die Gräueltaten von einst wieder vermehrt ins Bewusstsein der heute dort lebenden Bevölkerung. Brandstätter hat für "The Future’s Past" drei kambodschanische Jugendliche begleitet, die sich erstmals mit den Geschehnissen von einst auseinandersetzen und auch ihre Eltern damit konfrontieren. Vergangenheitsbewältigung, wie wir sie in Österreich durch die NS-Zeit auch selbst kennen.

Parallelen zur NS-Zeit
"Wenn man solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachtet, gibt es viele Parallelen, aber auch Divergenzen zu anderen Staaten auf der ganzen Welt", sagt Susanne Brandstätter. "Ich will nicht sagen, dass es in Kambodscha direkte Vergleichsmöglichkeiten zum Nazi-Regime bei uns gegeben hat; die Parallelen betreffen eher den Umgang der Menschen mit diesen Regimen. Man hört von den Menschen oft die gleichen Aussagen wie Ich konnte nicht anders‘, ,Ich habe nur Befehle befolgt‘, ,Ich hatte keine andere Wahl‘.

"The Future’s Past" spürt daher der Frage nach, wie totalitäre Regime überhaupt an die Macht gelangen können. "Dazu gibt es keine klaren Antworten. Gäbe es die, könnte man vielleicht verhindern, dass es wieder Genozide geben würde", so Brandstätter. "Tatsächlich gibt es in der Zeit vor der Machtergreifung totalitärer Regime immer Ereignisse, die es den radikalen Kräften erst ermöglichen, hochzukommen. Was dann die späteren Verbrechen angeht: Es muss immer eine politische Instanz oder einen Führer geben, der das, was passiert, legitimiert. Dann wird es für die Gegner der Regime ungleich schwerer, dagegen zu sein. Mir ging es um die Auswirkungen in der Bevölkerung. Es gab eine Art von Großgruppendynamik. Ich fragte mich, warum Menschen blinden Gehorsam zeigen, ihre normalen Prinzipien und Moralvorstellungen über Bord werfen und Dinge tun, die sie sonst niemals tun würden."

Der Film schildert die Aufarbeitungsprozesse der Jugendlichen, die anhand von Erzählungen die Vergangenheit des Landes rekonstruieren. "Sie finden schmerzliche Dinge heraus: Sobald die Roten Khmer die Macht übernahmen, wurden alle Schulen, Banken, Bibliotheken, öffentlichen Einrichtungen geschlossen, die Medien kontrolliert. Es war daher gar nicht möglich, dass die Menschen erfahren konnten, was im Gange war." Es sei Teil des Terrorregimes gewesen, den Menschen zu verstehen zu geben, dass man Befehle befolgen muss. "Wer den Befehlen nicht folgte, wurde ermordet, und alle Menschen, die eine Brille trugen oder eine Uhr, wurden wegen dieser Zeichen der Bildung exekutiert oder zumindest in Zwangslager gesteckt, wo sie aus Hungersnot oder Krankheit ebenfalls starben", sagt Brandstätter. "Im Film fällt einmal der Satz: Das ganze Land war ein Gefängnis. Und das war wirklich so."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-17 16:38:04
Letzte Änderung am 2012-09-13 21:23:22


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