Vier Menschen, jeder von ihnen benannt nach einem Berg der unverrückbaren Alpen, verdienen sich ein Zubrot damit, sich als Ersatz für Verstorbene buchen zu lassen: In seinem neuen Film "Alpis" (in Venedig mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet) entwirft der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos ein faszinierendes Spiel zu den Themen Ersatz, Identität - und Fanatismus.
"Wiener Zeitung": Ihr Film ist mit geringsten Mitteln realisiert. Wie geht Filmemachen im aktuellen Griechenland?
Yorgos Lanthimos: Indem man nicht überlegt, woher man Geld bekommen kann. Denn es gibt keines. Die meisten finanzieren ihre Filme durch Geld von Verwandten. Das griechische Filminstitut ist pleite. Die Krise erschwert die Situation, andererseits eint sie diese Filmemacher auch. Man hilft einander mehr, fungiert als Produzent für Kollegen, die Schauspieler spielen gratis eben in mehreren Filmen befreundeter Regisseure mit, und so weiter. Auch deswegen vielleicht werden griechische Filme der neuen Generation oft als "bizarr" und "radikal" bewertet. Das liegt eben in der Natur der Sache, denn ein Film ohne Geld ist wohl automatisch bizarr. Aber ich finde das nicht negativ, im Gegenteil. Diese Generation hat sich vom Schatten ihrer großen Vorgänger wie Michael Cacoyannis mit "Alexis Sorbas" oder Filmen wie "Die Ewigkeit und ein Tag" von Theo Angelopoulos befreit.

Was sind die Themen dieser neuen Generation?
Viele Regisseure analysieren die griechische Familie, ihre Umwälzungen und Monstrositäten. Ich glaube, viel von der aktuellen Misere liegt in der griechischen Gesellschaftsstruktur begründet. Es ist gut, die Problematik von der Wurzel her aufzurollen.
Wie kam es zur Idee für diesen Film?
Mein Drehbuchautor hatte die Idee zu einer Geschichte über Menschen, die von Toten Briefe erhalten. Das heißt, nicht von den Toten selbst, sondern von jemandem, der vorgibt, dieser Tote zu sein und ihnen schreibt. So sollte der Verlust eines Menschen etwas gemildert werden. Das hatte noch nicht wie eine Filmidee geklungen, aber interessant genug, um darüber nachzudenken, wie man mit Tod und Verlust und Ersatz umgeht. Wir haben überlegt, dass es dann bestimmt auch jemanden gebe, der daraus einen Vorteil ziehen wollte oder jemanden, der so weit in das Leben eines anderen tauchen möchte, dass er sich vielleicht darin verliert.
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