Linz. Horror, Holocaust, Hungerstreik und die Sturmhöhen der Liebe - das Linzer Filmfestival Crossing Europe zeigte sich schon in seinen vier Eröffnungsfilmen überaus vielgestaltig. In Tim Fehlbaums "Hell" kämpft eine Gruppe Apokalypsen-Überlebender eher inhaltslos gegen Zombies und sich selbst, in "Six Million And One" begibt sich David Fisher mit den Memoiren seines im KZ verstorbenen Vaters auf berührend-amüsante Vergangenheitsreise. In "Crulic" animiert die Rumänin Anca Damian das Sterben von Claudiu Crulic, der wegen angeblichen Diebstahls einsitzt, in einer dramaturgisch extrem kraftvollen Kombination aus Handzeichnung, Collage und Stop-Motion.
Andrea Arnold dringt in ihrer Adaption des Romans "Wuthering Heights" durch die Handkamera in das Innerste ihrer Figuren vor und öffnet so ganz subtil eine wuchtige Dimension der Geschichte.
Ein induktiver Zugang zum Material, den Figuren und ihren Leben prägt auch die diesjährigen neun Wettbewerbsfilme, aus denen am Samstag ein Siegerfilm gekürt wird. Der französische Beitrag "Louise Wimmer" von Cyril Mennegun etwa folgt dem Alltag einer 50-Jährigen, die nach ihrem Job-Verlust monatelang in ihrem Auto wohnt. Das Sozialamt lässt sich Zeit mit der Wohnungsbeschaffung, der Aushilfs-Job ist mies bezahlt, aber den Stolz und die Würde von Louise Wimmer (herausragend: Corinne Masiero) kann niemand brechen.
Lauernde und brutale
Verrohung der Zivilisation
Wie auch schon ein kleines Mädchen es vermag, trotz dominanter Gesellschaftskonventionen seinen eigenen Weg zu gehen, zeigt Alba Rohrwacher in ihrem recht gelungenen Spielfilmdebüt "Corpo Celeste", das die Religionsbesessenheit in einem kleinen italienischen Ort anhand der Reflexion seiner im Erwach(s)en-Werden befindlichen Protagonistin ad absurdum führt. Das polnische Künstlerpaar Wilhem und Anna Sasnal zeigt in seinem Film "It Looks Pretty From A Distance" eine noch radikalere Sicht auf eine Zivilisation, unter deren dünner Schicht brutale Verrohung lauert: Als ein Schrotthändler auf mysteriöse Weise verschwindet, löst dies eine Verkettung niedrigster Instinkthandlungen der Dorfbewohner aus.
Das völlig unprätentiöse Alltagsleben einer Reihe von Außenseitern beschreibt der georgische Beitrag "Salt White" in hervorragend fotografierten Bildern. Wie Menschen einander auf Umwegen finden, auch wenn sie wieder auseinander gehen (müssen), thematisieren dagegen die Filme "Ave" des Bulgaren Konstantin Bojanov und "Weekend" des Briten Andrew Haigh. Hier ein jugendliches Pärchen auf einem Roadtrip ins gemeinsame Leben, dort ein schwules Pärchen für ein Wochenende. Crossing Europe hat in dieser Vielgestalt seiner Filmauswahl erneut den Spagat zwischen Kunst- und Publikumskino geschafft.
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