
Paris. Sie tragen gerne weite Hosen und kurze Haare, spielen mit Leidenschaft Fußball oder widmen sich den Naturwissenschaften. Als Tomboy bezeichnet man Mädchen, die sich wie Jungen verhalten und damit gängige Geschlechterrollen über den Haufen werfen. Die französische Regisseurin Céline Sciamma erzählt in ihrem zweiten Spielfilm "Tomboy" (ab heute, Freitag, im Kino) die Geschichte eines solchen Mädchens: Die zehnjährige Laure, dargestellt von der begabten Zoé Héran, spielt ihren Freunden vor, ein Junge namens Michael zu sein; einige Zeit geht das Versteckspiel vor den Kindern gut, doch bald fliegt alles auf.
"Mich interessierte die Frage nach der eigenen Identität", sagt Céline Sciamma im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Wenn Sie sich James Camerons Avatar genau ansehen, stellen Sie fest, dass es dabei auch und vor allem um Identität geht."
"Tomboy" als künstlerische Filmvariation des Blockbusters "Avatar"? Unrecht hat Sciamma mit diesem seltsamen Vergleich nicht: Denn da wie dort steht der Druck der Gesellschaft auf den Einzelnen und seine Entwicklung im Zentrum der Geschichte.
Mit der oft gepriesenen kindlichen Unschuld will Sciamma in "Tomboy" aufräumen: "Kindliche Unschuld existiert nicht. Die Kindheit ist eine Zeit, in der es große Sinnlichkeit und Empfindsamkeit gibt, aber keine Unschuld. Der einzige Unterschied zu Erwachsenen ist, dass Kinder sich nicht schuldig fühlen."
Von der Freude, männlich zu sein

Die junge Laure gefällt sich in ihrer Rolle als Bub, spielt Fußball mit den anderen und stopft sich die Badehose mit Plastilin aus, um nicht enttarnt zu werden. Das Streben danach, ein männliches Kind sein zu wollen, als gesellschaftlich konnotiertes Symptom? Sciamma: "Ich wollte schon zeigen, dass es eine gewisse Freude daran gibt, männlich zu sein, weil man mehr Freiheit hat. Man kann zum Beispiel mit nacktem Oberkörper Fußball spielen, was Mädchen nicht können, selbst wenn sie in diesem Alter noch keine Brüste haben. Das Männliche steht in Tomboy für Freiheit. Doch meine Hauptfigur macht das nicht aus Reaktion, sondern aus Intuition."
"Tomboy" wurde dank des feinfühlig beschriebenen Transgender-Themas bei zahlreichen Festivals gezeigt und gewann unter anderem den Teddy Jury Award bei der Berlinale 2011. Die große Authentizität, mit der Céline Sciamma ihre Geschichte vorträgt, hängt auch damit zusammen, dass die Regisseurin selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht hat: "Ich kenne das aus meiner Kindheit. Man hätte mich für einen Jungen halten können, denn ich hatte kurze Haare. Allerdings war das damals in Mode. Aber ich erinnere mich an solche Situationen, und manchmal mochte ich es, für einen Buben gehalten zu werden, manchmal tat es weh. Dieses Gefühl ist weit verbreitet, ich bekomme viele Briefe von Eltern, die mir schildern, dass sie diese Geschichte mit ihren Kindern auch erlebt haben. Der Film erzählt also zum Teil meine eigene Geschichte: Es geht um meine Kindheit."
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