Dänemark im 18. Jahrhundert: Der schizophrene König Christian VII. hat die blutjunge Caroline Mathilde zur Frau genommen. Der deutsche Arzt und Aufklärer Johann F. Struensee wird erst Leibarzt, Vertrauter und dann staatlicher Berater des Königs, schließlich Liebhaber der jungen Königin und Vater ihres Kindes. Als Struensee eine Revolution im Land auslöst, werden seine Widersacher am Hof aktiv und setzen ihn schachmatt. Im Film "Die Königin und der Leibarzt" (aktuell im Kino) spielt der dänische Schauspieler und Ex-Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen diesen deutschen Anstifter einer verpassten Revolution.
"Wiener Zeitung": Lange Zeit war Struensee ein heißes Eisen in Dänemark. 200 Jahre lang waren viele Originalunterlagen im Reichsarchiv unter Verschluss als Geheimsache. Kennen heute alle Dänen die Geschichte dieses bürgerlichen Weltverbesserers?

Mads Mikkelsen: Die meisten bestimmt, ja. Das ist ein richtiger Kronjuwel in der dänischen Geschichte. Wir haben keine derart bewegte Historie wie zum Beispiel die Briten oder die Franzosen, aber wir haben unsere kleinen Schätze, und dieser ist ein solcher. Aber natürlich habe ich erst im Laufe der Arbeit am Material die Dualität der beteiligten Figuren verstanden. Zuvor war Struensee für mich nicht mehr als dieser deutsche Typ, der rüberkam, Sex mit unserer Königin hatte und das Land übernahm. Er wurde als Held gesehen, aber auch als Verräter.
Wie beschreiben Sie ihn als Ihre Rolle im Film?
Er ist ein ziemlicher Idealist, dabei aber sehr entspannt. Er hat absolut keine Ambitionen, die Welt zu ändern. Er ist ein Arzt, schreibt seine Gedanken auf, aber er ist kein Revolutionär. Als er die Stelle am Hofe bekommt, bedeutet das einen sozialen Aufstieg. Dann verliebt er sich zuerst in den König; er findet ihn einen fantastischen, begabten, jungen Mann. Auch für den König ist er eine Art Mentor, ein Weg, in die Welt hinaus zu kommen. Aber später wird er zum Diktator. Er wird zu dem, was er hasst. Damals spürte man, dass die Zeit der Aufklärung unmittelbar bevorstand, die Menschen wussten, dass es bald gravierende Veränderungen geben würde, eine gesellschaftliche Revolution.
Wie erklären Sie sich den aktuellen Boom an royalen Dramen im Kino?
Das sind Modephasen. Dänemark trat filmisch zum ersten Mal wirklich während der Dogmafilm-Periode in Erscheinung, und nun sind eben Period-Pieces dran. Dieser Trend hält sich nun schon eine Weile, aber solche Filme sind auch sehr teuer, und Dänemark ist ein kleines Land, kann solche Filme also nur in Koproduktion mit anderen Ländern machen. Dramen, egal ob historischer oder anderer Art, sind immer populär, denn das Leben ist eben keine Komödie. Historische Dramen mit politischem Hintergrund sind oft auf heute umlegbar, weil sich Korruption und politische Machenschaften im Grunde nie ändern.

Man sagt immer "Menschen ändern sich nicht", aber stimmt das denn? Emotionen und Ängste ändern sich vielleicht nicht, aber doch der Umgang damit?
Das denke ich auch. Dieser Film soll auch keine Geschichts- oder Morallektion sein. Er soll Emotionen wecken und wiedererkennbar machen. Zu jener Zeit hätte sich ein Mann niemals derart um ein Baby gesorgt oder um eine Frau, aber das hätte für ein heutiges Publikum eine Distanz kreiert, die man nicht verstehen würde und die den Zugang zum Film verwehrt hätte. Wir behandelten das Material mit großem Respekt, aber gleichzeitig mussten wir es so aufbereiten, dass es heute greifbar ist. So haben wir etwa auch das physische Gewicht der beiden Hauptfiguren "geändert". Der Leibarzt war in Wirklichkeit klein und untersetzt, auch die Königin war massiv übergewichtig. Ihre Verbindung war eine politische Allianz, aber in den Briefen der Königin erkennt man ihre tiefe Liebe. Liebe hat es also auch damals gegeben.
Bei Historien-Dramen spielt außerdem immer auch der Glamour-Faktor mit. Die Society-Geschichten über diverse Royals haben ihre große Fangemeinde und besonders auch die Dänen halten wacker an der Monarchie fest.
Weil im Prinzip jeder auch gerne diesen Glamour spüren möchte. Ein Königshof hat Märchen-Charakter, bietet einen großen Eskapismus und eine große Faszination. Aber viele Filme haben uns auch schon gezeigt, dass es in royalen Kreisen oft gar nicht so glamourös zuging und viele unter der Last, ein Land zu regieren, zerbrachen oder zumindest verrückt geworden sind.
Die dänische Königin hat Sie zum Ritter geschlagen, richtig?
Ja, mein Manager wurde dadurch automatisch zu meinem Junker, keine Ahnung, ob ihm das gefiel. In Dänemark mögen wir unsere Royals, weil sie nicht abgehoben wirken. Sogar die extremsten Linken haben Respekt für das Königshaus. Wir sind alle keine Royalisten oder religiös. Aber wir mögen das Solide, das finden wir niedlich. Und die Royals arbeiten ja auch wirklich hart: Dieses viele Hände-Schütteln den ganzen Tag, die zahllosen Wurstfabriks-Eröffnungen, das ist anstrengend! (lacht). Im Ernst: Für ein Volk hat es psychologischen Stabilisierungswert, wenn sich der König um die Wurst kümmert.
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