• vom 19.05.2012, 09:00 Uhr

Film

Update: 21.05.2012, 17:40 Uhr
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Wenn das Grauen Gestalt annimmt


Von Christina Mondolfo

  • Filmemacher und Trickspezialisten überschlagen sich förmlich, wenn es darum geht, ein Monster für die Leinwand zu kreieren. Stets auf den Effekt bedacht, dem Zuschauer wohlige Angstschauer über den Rücken zu jagen, sind diese Kreaturen zwar Projektionen ihrer und unserer Fantasie, aber sie haben sehr reale Wurzeln.

Der Minotaurus aus "Zorn der Titanen". - © Jay Maidment

Der Minotaurus aus "Zorn der Titanen". © Jay Maidment

Mit Monster oder auch Monstrum wurden früher oft widernatürliche oder angsterregende Gebilde oder Missbildungen bezeichnet. Daneben galt dieser Begriff aber auch für Geschöpfe, die sich durch Größe, Stärke, Unberechenbarkeit, Bösartigkeit und Hässlichkeit hervorhoben. Das konnten sowohl tierische als auch menschliche Gestalten sein - oder aber Mischwesen aus beiden. Heute wird mit dem Begriff Monster im allgemeinen Sprachgebrauch recht verschwenderisch umgegangen. Doch während Kinder darunter meist irgendwelche Fantasiegestalten verstehen, die sich mit Vorliebe unter dem Bett oder im Kasten verstecken, bezeichnen Erwachsene damit gerne andere Menschen, deren Äußeres oder deren Taten nicht in ihre Vorstellungswelt des Normalen passen, die also Unmenschen oder Widerlinge sind.

Entmystifizierung

Viele der meist tierischen Fantasiegestalten wurden im Laufe der Zeit entmystifiziert: So lassen sich die antiken Zyklopen, die einäugigen Riesen, etwa mit einer als Zyklopie bezeichneten Krankheit erklären, bei der tatsächlich nur ein Auge in der Mitte der Stirn sitzt. Allerdings sterben die von dieser Missbildung Betroffenen meist kurz nach der Geburt, die Erinnerung an ihren Anblick aber offenbar nicht. Auch die Funde großer Schädelknochen mit einem Loch in der Stirn könnten zum Mythos des Zyklopen geführt haben - sie stellten sich jedenfalls später als Schädel von Zwergelefanten heraus, die vor mehr als 10.000 Jahren den Mittelmeerraum bevölkert hatten. Drachen sind wohl aus der Kombination diverser Echsen und Schlangen mit gefundenen Riesenknochen von Dinosauriern entstanden, während für Vampire eventuell Menschen als Vorbild dienten, die unter Porphyrie litten. Dieses Stoffwechselleiden wurde durch Inzucht ausgelöst, wodurch der Aufbau des roten Blutfarbstoffes gestört wurde. Das Zahnfleisch bildete sich zurück, die Zähne traten hervor und die Haut war extrem blass. Als Gegenmittel wurde den Betroffenen das Trinken von Blut empfohlen. Porphyrie trat gegen Ende des Mittelalters vor allem unter den Angehörigen des mittel- und osteuropäischen Adels auf - Dracula war geboren.

Da Monster oder unheimliche Wesen immer ein Bild unserer Ängste und des Bösen in uns sind, sind sie universell - keine Kultur kommt ohne sie aus. Auch die Angst vor dem Animalischen im Menschen, der Kampf zwischen Ratio und Instinkt, zwischen Trieb und Moral, findet seinen Ausdruck im Monster: Dafür müssen etwa die Kentauren, Mischwesen aus Pferd und Mensch, herhalten, aber auch der Werwolf fügt sich in dieses Schema ein.

Wunder der Kreativität

Doch egal ob tierisch, menschlich oder beides in einem - für den Film sind Monster äußerst dankbare Gestaltungsobjekte. Schon in den Kindertagen der bewegten Bilder setzten Regisseure, Kostüm- und Maskenbildner alles daran, Frankenstein, Dracula oder das Phantom der Oper zu grauenerregenden, unheimlichen Figuren zu stilisieren. Auch dank der Darstellung von Boris Karloff, Bela Lugosi oder Lon Chaney sind sie bis heute in Erinnerung geblieben, die Filme selbst sind Klassiker. Diese Monster sahen zwar furchterregend aus, hatten jedoch eine sehr menschliche Seite, die Verständnis und Mitgefühl bei den Zuschauern hervorriefen und dadurch diesen Wesen eine sehr ambivalente Stellung zwischen Gut und Böse bescherten.

Eine neue Kategorie tauchte 1954 mit Godzilla auf, die dem Kinobesucher die Wahl zwischen oben genannten Kategorien nicht so schwer machte: Die Riesenechse zog durch Japan, hinterließ Schrecken, Zerstörung und viele Tote und musste natürlich eliminiert werden, um weiteres Unheil zu verhindern. Doch nicht alle waren begeistert, so findet man etwa in "6000 Filme. Kritische Notizen aus den Kinojahren 1945 bis 1958. Handbuch V der katholischen Filmkritik, 3. Auflage, Verlag Haus Altenberg, Düsseldorf 1963" folgendes: "Japanischer Abenteuerfilm, der taktlos genug ist, seine Gruseltricks mit realistischen Schreckensszenen zu verbinden und diese sensationelle Mischung als Warnung vor dem Atommißbrauch auszugeben." Roland Emmerichs Remake aus 1998 hatte mit derlei Vorwürfen nicht zu kämpfen, hier wurde mit Action und hervorragenden Tricks geklotzt (während der Ur-Godzilla in seiner simplen Animation heute eher ein Lächeln denn Gänsehaut erzeugt), eine tiefere Botschaft sucht man jedoch vergeblich.

Das Lieblingsmonster "Alien".

Das Lieblingsmonster "Alien".© Photononstop Das Lieblingsmonster "Alien".© Photononstop

Nach Vampiren und Werwölfen, Missgestalteten wie der Glöckner von Notre Dame oder den mythischen Schreckgestalten der griechischen Antike, denen in "Kampf der Titanen" (herrlich nostalgisch in der Version von 1981, technisch ausgefeilt in der von 2010) ein filmisches Denkmal gesetzt wurde, kam eine neue Kategorie von Monstern: Außerirdische. Und an der Spitze stand und steht bis heute Ridley Scotts "Alien", das ergab eine Umfrage unter Filmfans im vergangenen Jahr. Erschaffen wurde das eklige Wesen vom Schweizer H.R. Giger und es verweist einen weiteren berühmten Vertreter aus dem Horrorkabinett der Monster auf den zweiten Platz: "Der weiße Hai" von Steven Spielberg. Mit Rang 3 darf sich mit Predator ein weiterer Killer aus dem Weltraum schmücken. Komplettiert werden die Top 5 vom Creeper aus dem Schauermärchen "Jeepers Creepers - Es ist angerichtet" und von der Fliege aus dem gleichnamigen Klassiker.

V.l.n.r.: "Die Fliege", der japanische Ur-"Godzilla", Roy Scheider (M.) und Kollegen mit dem Hai-Gebiss aus "Der weiße Hai".

V.l.n.r.: "Die Fliege", der japanische Ur-"Godzilla", Roy Scheider (M.) und Kollegen mit dem Hai-Gebiss aus "Der weiße Hai".© AFP ImageForum V.l.n.r.: "Die Fliege", der japanische Ur-"Godzilla", Roy Scheider (M.) und Kollegen mit dem Hai-Gebiss aus "Der weiße Hai".© AFP ImageForum




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-18 10:02:12
Letzte Änderung am 2012-05-21 17:40:02


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