
Einen Film über eine Frau auf der Suche nach der Liebe wollte der Österreicher Ulrich Seidl mit "Paradies: Liebe" drehen, der nun im Wettbewerb von Cannes Premiere hatte. Seidl erzählt darin von einer 50-jährigen Frau, die zum Urlaub nach Kenia fliegt und dort als Sextouristin bei etlichen Beach Boys nach Zuneigung sucht, gegen Bares selbstverständlich.
"Sie sucht in der Fremde, was sie daheim nicht mehr findet", sagte Seidl in Cannes. Seine wunderbare Hauptdarstellerin Margarete Tiesel, die im Film alles von sich zeigt, war Anfangs unsicher, ob sie den Part übernehmen soll, in dem sie auch zahlreiche Sexszenen spielen musste: "Es fiel mir nicht leicht, über die eigene Schamgrenze zu springen", sagt Tiesel. "Aber nachdem mir Ulrich Seidl zugesichert hat, dass wir keine Szenen drehen würden, die ich nicht wollte, habe ich zugesagt". Tiesel, eine bisher wenig bekannte Schauspielerin, die in Nebenrollen in TV-Produktionen zu sehen war, erntete in Cannes viel Applaus für ihre mutige Darstellung der Sextouristin – einige trauen ihr sogar den Preis für die beste Darstellerin zu.
"Als Frau, die älter wird und nicht mehr so aussieht wie die in den Zeitschriften, flüchtet man sich bereitwillig in Länder wie Afrika, wo es egal ist, wie man aussieht, Hauptsache, die Haut ist weiß", sagt Tiesel. "Die Folge ist, dass diese Frauen, die daheim schon ausgebeutet werden, in Afrika selbst zu Ausbeutern werden".
Für "Paradies: Liebe" legte Seidl den Fokus daher explizit auf die Gefühle der Frauen, "die Beach Boys" sind nicht entscheidend. Sondern das Gefühl des Verliebtseins, des Geliebtwerdens ist für die Frauen oft noch viel wichtiger als der Sex", sagt Seidl.
Doch die Afrikaner, die ihren Körper weißen Touristinnen verkaufen, um damit ihre eigenen Familien durchzubringen, haben Seidls nachhaltiges Interesse gefunden: "Ich plane derzeit gerade einen Film über solche Beach Boys", sagt er. "Es passiert mir oft, dass während der Arbeit an einem Film daraus bereits die Idee für den nächsten entsteht".
Einen pessimistischen Grundgedanken zu verbreiten, über eine von Geld und Kommerz zerstörten Welt, so wie Seidl das immer wieder attestiert wird, weist der Regisseur zurück: "Pessimismus ist kein Kriterium für mich. Er ist per se nicht besser oder schlechter als Optimismus. Worum es mir stattdessen geht: Ich will die Welt zeigen, so wie ich sie sehe. Es geht mir um eine Wahrheitsfindung in Gesellschaftssystemen. Im aktuellen Fall geht es um eine Frau, die verzweifelt versucht, wieder einen Wert für sich im Leben zu finden".
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