
Wien. Als wir Lars Eidinger zum Interview treffen, ist es ruhig in der Akademie der Bildenden Künste in Wien, wo die Filmcrew von "Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden" soeben das Set geräumt hat. Eidinger setzt sich auf die Steinstufen in einem der weiten Gänge und beißt sich auf die Lippen. "Ich rede oft nicht viel", sagt er. "Aber manchmal stimmt das auch nicht." In Christoph Starks Film spielt er den Expressionisten Georg Trakl als drogensüchtigen Getriebenen, in der Geschichte um die verbotene Liebe zwischen ihm und seiner Schwester Grete, an der er letztlich zugrunde ging.
Der Zerrissene, das ist eine Rolle, die Eidinger liegt. In Maren Ades "Alle Anderen" gab er vor drei Jahren neben Birgit Minichmayr den Architekten Chris, dessen Selbstzweifel Kollateralschaden des elterlichen Wohlstands und Symptome einer ungetriebenen Generation sind - und ihn daran hindern, andere zu lieben.
"Viele der Figuren, die ich spiele, sind unfähig, ihre Emotionen zu leben", meint Eidinger. In Urszula Antoniaks "Code Blue" war er ein kalter Sadist und in Hans-Christian Schmids "Was bleibt", der seine Premiere dieses Jahr bei der Berlinale hatte, festigte der 36-jährige Eidinger, sehr schlank und unauffällig durchtrainiert, mit einem gepflegt-grotesken Sinn für Mode und der Gérard-Depardieu-Frisur sein Image "Prototyp seiner Generation". Überhaupt, Depardieu: "Schauspieler wie er oder Brando haben etwas Animalisches", sagt er. "Das imponiert mir, so versuche ich zu spielen, wie ein Tier oder ein Kind, uninszeniert, unmittelbar." Als Kind eines Ingenieurs und einer Krankenschwester in Tempelhof aufgewachsen, trieb es Eidinger in seiner ersten Karrierestation an die Schaubühne, wo er längst spielen kann, was er will, weil er so gut ist, am besten vielleicht in "Hamlet", einer Tour de Force mit Blut und Schminke und vollem Körpereinsatz. Doch selbst als fieser Charakter Angelo bewahrt Eidinger diese ihm typische entspannte Würde, eine forschende Empathie. Beim - erfolgreichen - Vorsprechen für seine Theaterrolle in Schillers "Die Räuber" hat er das Publikum erst einmal dazu gezwungen, ihm beim Nachdenken darüber zu folgen, wie er jetzt den Vater ermorden könnte, indem er lange Zeit ein Bonbon gelutscht hat.
"Georg Trakl ist jenseits jeglicher Normalität"
Die Rolle des Georg Trakl aber habe ihn in eine ganz andere Richtung als frühere Rollen geführt, sagt er: "Dieser Charakter ist extrem und jenseits jeglicher Normalität. Er ist nie ausgeglichen, sondern immer im Ausnahmezustand. Ich fand das wahnsinnig reizvoll, weil man solche Figuren nicht so oft findet." Der Stoff habe ihm die Möglichkeit geboten, tiefer als sonst zu gehen, in intensiver Drehvorbereitung: "Wir haben im Vorfeld mit dem Ensemble eine Familienaufstellung der Trakls gemacht", erzählt er. "Ich fing an zu zittern, konnte nicht mehr sprechen und habe geweint. Davon habe ich extrem profitiert, ich spürte, unter welchen Ängsten und Zwängen Trakl litt."
Es ist immer das Gleiche: Ein Schuldner bezahlt seine Handyrechnung, seine auf Pump gekauften Möbel oder seine Leasingraten nicht...
weiter
Es ist die Realität, aber es wirkt wie ein Zerrbild. Das, was der rumänische Regisseur Cãlin Peter Netzer in seinem Film "Mutter und Sohn" vorführt...
weiter
Mit Kraft und Geist(az) Als der Phobiker Martín von seiner Freundin verlassen wird, vergräbt er sich in seiner Einzimmerwohnung...
weiter
Und wieder ein als unverfilmbar geltender Roman, der es doch auf die Leinwand geschafft hat: Marlen Haushofers "Die Wand" von 1963 erzählt die...
weiter
Der mexikanisch-stämmige Sänger und Songwriter Sixto Rodriguez hatte einen Bekanntheitsgrad wie Elvis Presley oder Bob Dylan – allerdings nur...
weiter
Es gibt Serien, denen geht schon in der ersten Staffel die Luft aus. Manchen auch erst in der zweiten. Und dann gibt es solche...
weiter