"Ein Mensch, der im Flow ist, geht voll in seiner Tätigkeit auf. Er vergisst, was um ihn herum geschieht. Er weiß in dem Moment, was gut für ihn ist, weil es gut für das Unternehmen ist. In diesem Zustand macht ihm die Arbeit am meisten Spaß. Der Mensch ist dann am leistungsfähigsten." Nicht Sekten-unähnlich wirkt es, was der junge Mann hier vorliest: Das "Unternehmens-Credo" seiner Firma, es hört sich an wie die Zehn Gebote und er wie ein Jünger.
Die "Arbeitswelt der Zukunft" - wie soll, wie wird sie aussehen und welche Rolle spielt darin der Mensch? Die deutsche Dokumentarfilmerin Carmen Losmann hat sich für ihren preisgekrönten Film "Work Hard Play Hard" vier Jahre lang in verschiedenen Unternehmen der hochqualifizierten Dienstleistungsbranche umgesehen. "Ich wollte bewusst aus der Sicht des Managements erzählen", sagt sie, "denn jenen, die für Unternehmen arbeiten, ist oft nicht bewusst, welche Strukturen und Konzeptionen hinter ihrer Arbeitsumgebung stecken oder welche Konstrukteure im Hintergrund die Fäden ziehen."
Kühl und distanziert stellt der Film Beobachtungen an: in Unternehmen und bei Beraterfirmen, während Besprechungen und Präsentationen, bei In- und Outdoor-Trainings und Assessment-Gesprächen. Allesamt Situationen, in denen die Arbeitnehmer von ihren Chefs - die sich in der neuen Unternehmenskultur gar nicht mehr so nennen - ganz genau beobachtet und auf ihr verwertbares Potenzial analysiert werden. "Mich interessieren die Mechanismen und die Funktionsweisen des sogenannten indirekten Managements, das im Prinzip das Ziel verfolgt, die Unternehmenskultur so zu verändern, dass jeder einzelne Arbeitnehmer unternehmerisch denkt und handelt, also von selbst die Ziele des Unternehmens vollführt", sagt Losmann.
Gezielte Manipulation
Dahinter steht die Frage nach der manipulativen Kraft, die Unternehmen ausüben. "Eindeutig gibt es den Willen zur Planbarkeit des Menschen in solchen Strukturen, die Beabsichtigung, die Human-Ressource indirekt und zum Vorteil des Unternehmens zu steuern. Dabei wird den Mitarbeitern Mündigkeit suggeriert, die es freilich erst dann gibt, wenn die Mitarbeiter die Hintergrundstrukturen kennen." Früher hätte man in einem solchen Zusammenhang wohl von Rationalisierung oder Controlling gesprochen, eben in einem hierarchischen, autoritären System. Aber in den Arbeitswelten von heute werden raffinierte Strategien und ausgeklügelte Methoden angewandt, um nicht als solche zu wirken und um Leistungsbereitschaft und Motivation zu optimieren.
Das beginnt schon bei den äußeren Rahmenbedingungen des Arbeitsplatzes: Der Film zeigt zum Beispiel das Interieur der neuen Unilever-Zentrale in Hamburg, entworfen vom Stuttgarter Büro Behnisch, das ganz klare Ziele verfolgt: Die "Funktionsräume" nach Katalogeinrichtung sollen ein "Wohl"-Gefühl suggerieren, als wohnte man hier schöner als daheim. So austauschbar wie diese Räumlichkeiten sollen auch die Menschen sein, die man darin arbeiten lässt. In den "offenen Zonen", markiert durch Kaffeeautomaten und Küchen-Charme, sollen sich die Menschen zum "sozialen Austausch" treffen. "Work Hard - und dann geh spielen, damit du uns nicht zusammenbrichst", so wirkt das Konzept dahinter. "Mich hat diese Zwischenphase interessiert, in der die Managementtheorie in die Praxis umgesetzt, auf den Menschen übertragen wird, das Bewusstsein der Werktätigen beeinflusst wird", so Losmann. Einmal sieht man Trainer, die Jobanwärter und bestehende Mitarbeiter zur "Potenzialanalyse" mit Augenbinde wie Labortiere in ein Labyrinth schicken und ihr Verhalten via Monitor beurteilen.
Die Unternehmensberaterin einer anderen Firma wiederum erträumt bereits den nächsten Schritt: "Meine Vision ist es, den kulturellen Wandel nachhaltig in die DNA jedes einzelnen Mitarbeiters zu verpflanzen," sagt sie.
"Das weite Feld der Arbeit ist für mich ein Spiegel, in den ich als Dokumentarfilmerin blicken kann, um etwas von der Gesellschaft zu erkennen", so Losmann. Wie viel Manipulation auf ihrer DNA schon gelandet ist, frage sie sich auch. "Wichtig ist für beide Seiten, nicht zu vergessen, dass wir alle mehr wert sind als unsere Arbeitskraft."
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