Die Definition von Körperlichkeit im Alltag seiner Figuren – und ihre psychologische Auswirkung – ist dem kanadischen Regisseur David Cronenberg immer ein wichtiges Thema. "Body Horror" ist das Subgenre, das er mit Filmen wie "eXistenZ", "Die Fliege" oder "Spider" prägte. Zuletzt hatte er mit "A Dangerous Method" aus finanziellen Gründen "Mainstream-Zugeständnisse" machen müssen, wie er sagt. Anlässlich seiner Adaption von Don DeLillos Postmodernismus-Roman "Cosmopolis", in dem ein mächtiger Börsenspekulant auf der Suche nach einem Frisör einen Tag lang in seiner Limousine durch New York fährt, erklärte Cronenberg der "Wiener Zeitung" seine Sicht auf Wirtschaftskrise, Wirklichkeit und Wunschvorstellung.
"Wiener Zeitung": Mr Cronenberg, können wir zuerst über die asymmetrische Prostata sprechen, die bei der Hauptfigur Eric Packer im Film diagnostiziert wird?
David Cronenberg: Natürlich. Nehmen wir an, dass eine Diskussion über eine asymmetrische Prostata entweder genial oder zumindest cineastisch ist. Was ist Ihre Frage?
Warum?
Weil ich die Idee lustig fand. Diese ganze Geschichte ist, in ihrem Kern, eine Komödie, eine absurde, schwarze Komödie. Abgesehen davon, gehört diese Prostata zu einer anderen markanten Eigenschaft an Erik.

...seinem halbfertigen Haarschnitt?
Ja, er verbringt im Film den ganzen Tag damit, einen Friseur zu suchen. Weil er weiß, dass er langsam aus der Bahn gerät. Er ist im Begriff, sich selbst zu verlieren.
Welche Rolle spielt Eriks Körper in all dem?
Erik trägt ein Wirtschaftssystem in sich, das aus dem Gleichgewicht gerät. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich daran gedacht habe, während ich am Film arbeitete. Ich konzentriere mich dann auf die üblichen Fragen: "Wer ist diese Figur?", "Warum soll er diese Kleidung tragen?", "Wie sehen seine Haare aus?", "Wie spricht er?", die Bedeutung des Dialogs. Ich beginne nie einen Film mit einem abstrakten Konzept im Kopf. Ich denke an meine anderen Filme sondern es ist jedes Mal so, als hätte ich davor noch keinen Film gemacht.
Aber nun, da wir darüber sprechen, beginne ich es zu sehen. Ich kann sagen, dass wir es hier mit einem sehr dissoziierten Charakter zu tun haben. Er ist von seiner Außenwelt abgekapselt, er schafft sich ein Limousinen-Aquarium, in dem es ganz still ist. Und er ist auch abgekoppelt von seinem eigenen Körper. Jeden Tag kommt ein Arzt zu ihm, im Grunde nur, um festzustellen, dass er noch einen Körper hat. Er weiß aber nicht mit ihm umzugehen, genauso wenig wie er eine Beziehung zum Körper seiner Frau aufzubauen weiß, er weiß nicht einmal, wie er mit ihr sprechen soll. Er lebt in dieser sehr abstrahierten Welt der Finanzen und Zahlen und Computern und Investments. Aber er ist von seiner eigenen Menschlichkeit sehr abgekapselt und das heißt für mich, auch abgekapselt von der Wirklichkeit seines eigenen Körpers. Und wenn man im Film das Gefühl hat, mehr Platz zu brauchen, weil alles so eng ist, dann ist das gut, denn ich will Ihnen nicht geben, was Sie wollen, sondern was ich glaube, dass Sie brauchen.
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