Selten hat man die Bewältigung des Post-9/11-Traumas in unseren Breiten aus einer anderen Sicht als der westlichen diskutiert; der Schmerz, der den Amerikanern damals inmitten ihres Finanzzentrums zugefügt wurde, hatte permanente Terrorangst, verschärfte Ausländergesetze, Kriege und Xenophobie zur Folge. Wer eine dunklere Hautfarbe hatte und einen schwarzen Bart trug, war in diesem hoch nervösen Amerika schon a priori verdächtig.

Die indische Regisseurin Mira Nair ("Monsoon Wedding") hat nun mit Mohsin Hamids internationalem Bestseller "The Reluctant Fundamentalist" (auf Deutsch als "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" erschienen) eine ganz andere Sicht auf Amerika zu einem Film gemacht: Ein junger Emporkömmling namens Changez Kahn (Riz Ahmed) steht hier im Zentrum, und sein Name klingt nicht zufällig nach Dschingis Kahn. Er durchlebt einen rasanten Aufstieg, von der Elite-Uni Princeton direkt an die Wall Street, wo er schnell Karriere macht. Doch das ist lange her; heute unterrichtet der Pakistani in seiner Heimatstadt Lahore an der Uni; hinter ihm vermutet die CIA eine Terrorzelle, und eine Unterredung mit einem Journalisten (Liev Schreiber) nach der Entführung eines anderen Uni-Professors dient als Rahmenhandlung für Kahns Schilderung seines Lebensweges; es ist zunächst ein Weg voller Erfolge, der sich aber nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ins Gegenteil verkehrt. Changez Beziehung zu seiner US-Freundin (Kate Hudson) geht zu Bruch, die aufkeimende Ablehnung in der Bevölkerung und bei den Behörden gegen Muslime bekommt Changez nun immer öfter zu spüren. Das Land, das ihn den amerikanischen Traum leben ließ, es wird ihn nun zur Aufgabe desselben zwingen, und irgendwann ist Changez klar, dass er in seine Heimat zurückkehren wird müssen. Er wird sich gegen das wenden, was er jahrelang selbst idealisierte.
Mira Nair changiert auf der Basis der Buchvorlage mühelos zwischen Aufsteiger-Story und Polit-Thriller und erhält sich dabei ihre ganz eigene Art der Bildsprache aus atmosphärisch dichten, mit viel Farbe angereicherten Szenerien. Trotzdem gerät "The Reluctant Fundamentalist", der in Venedig als Eröffnungsfilm außer Konkurrenz gezeigt wird, bald zu einem konventionell erzählten enttäuschten Märchen, das es sich recht einfach macht, die Lebensumstände von Changez vor einem komplexen Geflecht aus politischen oder religiös motivierten Taten als bloß von banalen Egoismus und auch Selbstschutz getriebene Abfolge von Entscheidugnen darzustellen. Aber vielleicht ist gerade dieses Manko ein vermeintliches; denn dieser Film zeigt auch: Nichts im Leben ist uns letztlich näher als wir selbst, und diese Banalität ist am Ende unser aller Antrieb.
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