• vom 03.09.2012, 10:29 Uhr

Film

Update: 03.09.2012, 15:53 Uhr
  • Artikel
  • Video
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (13)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Regisseur Ulrich Seidl wurde in Italien wegen Blasphemie angezeigt

Onanie erregt Italien


Von Alexandra Zawia und Matthias Greuling

  • Seidl: "Mir geht es darum, die Wahrheit zu zeigen."

Kunst und Religion, eine ewige Feinschaft auch im 21. Jahrhundert. Ulrich Seidl bekommt wegen des zweiten Teils seiner aktuellen Trilogie, "Paradies: Glaube". Probleme mit der Justiz in Italien.

Kunst und Religion, eine ewige Feinschaft auch im 21. Jahrhundert. Ulrich Seidl bekommt wegen des zweiten Teils seiner aktuellen Trilogie, "Paradies: Glaube". Probleme mit der Justiz in Italien.APAweb/REUTERS/Max Rossi Kunst und Religion, eine ewige Feinschaft auch im 21. Jahrhundert. Ulrich Seidl bekommt wegen des zweiten Teils seiner aktuellen Trilogie, "Paradies: Glaube". Probleme mit der Justiz in Italien.APAweb/REUTERS/Max Rossi

Rom/Venedig/Wien. Ein Skandal schadet nie, erst recht keinem Filmfestival. In Venedig bekommen nun Festivalprogrammdirektor Alberto Barbera sowie der österreichische Regisseur Ulrich Seidl Probleme mit der italienischen Justiz. Wegen des zweiten Teils von Seidls aktueller Trilogie, "Paradies: Glaube" wurden sie von der ultrakonservativen katholischen Organisation NO 194 wegen Blasphemie angezeigt. Grund des Anstoßes ist eine Szene, in der Hauptdarstellerin Maria Hofstätter ein Christus-Kreuz zum Masturbieren benutzt. Hofstätter spielt Anna-Maria, eine extreme Katholikin, die im Bekehrungswahn von Haus zu Haus zieht, sich selbst geißelt und sich eher in einer Ehe mit Jesus Christus wähnt als mit ihrem angetrauten, mittlerweile verhassten moslemischen Ehemann im Rollstuhl. Die Masturbationsszene mit dem Kreuz hatte bei der Pressevorstellung keine Empörung, sondern Gelächter zur Folge.

Tatsächlich ist Seidls Film keine Verhöhnung von Gläubigen oder religiösen Inhalten, aber überraschend kommen die Vorwürfe von Blasphemie ebenso wenig, und das weiß auch der Regisseur selbst: "Wenn ich einen Film mache, geht es mir darum, die Wahrheit zu zeigen. Zumindest, wie ich sie sehe. Da rechne ich mit ein, dass es jemandem missfallen könnte, wie ich die Realität sehe. Für die Figur im Film ist es richtig, etwa jene Masturbationsszene zu zeigen. Sie macht hier Liebe mit Jesus. Dass dies ein Tabu ist, bedeutet ja nicht, dass ich es nicht zeigen darf. Anna-Maria handelt grundsätzlich in ihrer Überzeugung, geleitet von ihrer Liebe zu Jesus. Ich zeige das, ich bewerte es nicht. Jedenfalls aber ziehe ich den Aufruhr der Ruhe immer vor." Bereits beim Interview mit der "Wiener Zeitung" nach der Premiere scherzte Seidl, er erwarte noch eine Reaktion des Vatikan, die bisher aber nicht eingetroffen sei.

Interview mit Ulrich Seidl

Anwalt fordert Haftstrafe

Der italienische Rechtsanwalt Pietro Guerini, der die Anzeige gegen Seidl eingereicht hat, sieht sich im Recht: "Im Gegensatz zu den Moslems reagieren wir Katholiken nie, wenn unsere Religion beleidigt wird, doch diesmal ist die Grenze der Toleranz überschritten worden. Italien und Österreich sind Länder mit katholischer Tradition, die verteidigt werden muss. Meiner Ansicht nach würde der Regisseur sogar eine Haftstrafe verdienen."

Guerini hatte vor drei Jahren die ultrakonservative katholische Organisation NO 194 gegründet, die etwa 10.000 Mitglieder zählt. Der Verband setzt sich vor allem gegen den Schwangerschaftsabbruch ein. Vonseiten des Festivals gab es zu Redaktionsschluss noch keine offizielle Stellungnahme. In einem Wettbewerb, der (aktuell bis zur Hälfte) noch wenige vollends überzeugen konnte, gilt "Paradies: Glaube" unter den internationalen Kritikern jedenfalls als legitimer Preisfavorit.

Interview mit Ulrich Seidl



zurück zum Artikel





5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-03 10:31:33
Letzte Änderung am 2012-09-03 15:53:27


Beliebte Inhalte



Ein Plakat zeigt Mohammed Assaf, der Star der Talentshow "Arab Idol" in West Bank bei Ramallah. - Reuters / Mohamad Torokman
  • Sänger Assaf feiert Erfolge in gesamtarabischer Castingshow
  • weiter

Georges Moustaki bei einem Auftritt in Frankfurt (1983). - APAweb / EPA/NABIL MOUNZER
  • Edith Piafs Welterfolg "Milord" stammt aus seiner Feder.
  • weiter
  • Update vor 6 Min.

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Verteidigt Wagner und kritisiert die Klassikwelt scharf: Endrik Wottrich. - Newald
  • Tenor Endrik Wottrich über Wagner, Schlingensief und kleine Stimmen.
  • weiter

Benno Stieber, Vorsitzender der Freischreiber. - Mona Brede
  • "Freischreiber" Benno Stieber über Wege für freie Journalisten.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter




Werbung



Schulden G.m.b.H.

Jeder Einzelfall ist Routine

Schuldnerschicksale: Eva Eckerts Doku handelt von jenen, die davon leben, dass andere nicht mehr zahlen können. - Stadtkino Es ist immer das Gleiche: Ein Schuldner bezahlt seine Handyrechnung, seine auf Pump gekauften Möbel oder seine Leasingraten nicht... weiter




"Mutter und Sohn"

Eine Frage des Geldes

Nüchternes Gesellschaftsporträt: Netzers preisgekrönter Film zeigt eine überbesorgte Mutter (im Bild: Luminita Gheorghiu) und stellt das korrupte Milieu der Superreichen an den Pranger. - Filmladen Es ist die Realität, aber es wirkt wie ein Zerrbild. Das, was der rumänische Regisseur Cãlin Peter Netzer in seinem Film "Mutter und Sohn" vorführt... weiter




Shortcuts

Neu im Kino

 - © Principal - Fotolia Mit Kraft und Geist(az) Als der Phobiker Martín von seiner Freundin verlassen wird, vergräbt er sich in seiner Einzimmerwohnung... weiter





DVD

Die Wand

20130517dvd - - Und wieder ein als unverfilmbar geltender Roman, der es doch auf die Leinwand geschafft hat: Marlen Haushofers "Die Wand" von 1963 erzählt die... weiter




Auf den Spuren des Ausnahmemusikers Sixto Rodriguez

Searching for Sugar Man

20130517dvd2 - - Der mexikanisch-stämmige Sänger und Songwriter Sixto Rodriguez hatte einen Bekanntheitsgrad wie Elvis Presley oder Bob Dylan – allerdings nur... weiter




Wilde Irrfahrt durch eine mittelalterlich-fantastische Welt voller Intrigen, Verrat, geschickt gesponnen und spannend erzählt

Game Of Thrones, Staffel 2

20130510DVD1 - - Es gibt Serien, denen geht schon in der ersten Staffel die Luft aus. Manchen auch erst in der zweiten. Und dann gibt es solche... weiter



Quiz



Werbung