
Rom/Venedig/Wien. Ein Skandal schadet nie, erst recht keinem Filmfestival. In Venedig bekommen nun Festivalprogrammdirektor Alberto Barbera sowie der österreichische Regisseur Ulrich Seidl Probleme mit der italienischen Justiz. Wegen des zweiten Teils von Seidls aktueller Trilogie, "Paradies: Glaube" wurden sie von der ultrakonservativen katholischen Organisation NO 194 wegen Blasphemie angezeigt. Grund des Anstoßes ist eine Szene, in der Hauptdarstellerin Maria Hofstätter ein Christus-Kreuz zum Masturbieren benutzt. Hofstätter spielt Anna-Maria, eine extreme Katholikin, die im Bekehrungswahn von Haus zu Haus zieht, sich selbst geißelt und sich eher in einer Ehe mit Jesus Christus wähnt als mit ihrem angetrauten, mittlerweile verhassten moslemischen Ehemann im Rollstuhl. Die Masturbationsszene mit dem Kreuz hatte bei der Pressevorstellung keine Empörung, sondern Gelächter zur Folge.
Tatsächlich ist Seidls Film keine Verhöhnung von Gläubigen oder religiösen Inhalten, aber überraschend kommen die Vorwürfe von Blasphemie ebenso wenig, und das weiß auch der Regisseur selbst: "Wenn ich einen Film mache, geht es mir darum, die Wahrheit zu zeigen. Zumindest, wie ich sie sehe. Da rechne ich mit ein, dass es jemandem missfallen könnte, wie ich die Realität sehe. Für die Figur im Film ist es richtig, etwa jene Masturbationsszene zu zeigen. Sie macht hier Liebe mit Jesus. Dass dies ein Tabu ist, bedeutet ja nicht, dass ich es nicht zeigen darf. Anna-Maria handelt grundsätzlich in ihrer Überzeugung, geleitet von ihrer Liebe zu Jesus. Ich zeige das, ich bewerte es nicht. Jedenfalls aber ziehe ich den Aufruhr der Ruhe immer vor." Bereits beim Interview mit der "Wiener Zeitung" nach der Premiere scherzte Seidl, er erwarte noch eine Reaktion des Vatikan, die bisher aber nicht eingetroffen sei.
Anwalt fordert Haftstrafe
Der italienische Rechtsanwalt Pietro Guerini, der die Anzeige gegen Seidl eingereicht hat, sieht sich im Recht: "Im Gegensatz zu den Moslems reagieren wir Katholiken nie, wenn unsere Religion beleidigt wird, doch diesmal ist die Grenze der Toleranz überschritten worden. Italien und Österreich sind Länder mit katholischer Tradition, die verteidigt werden muss. Meiner Ansicht nach würde der Regisseur sogar eine Haftstrafe verdienen."
Guerini hatte vor drei Jahren die ultrakonservative katholische Organisation NO 194 gegründet, die etwa 10.000 Mitglieder zählt. Der Verband setzt sich vor allem gegen den Schwangerschaftsabbruch ein. Vonseiten des Festivals gab es zu Redaktionsschluss noch keine offizielle Stellungnahme. In einem Wettbewerb, der (aktuell bis zur Hälfte) noch wenige vollends überzeugen konnte, gilt "Paradies: Glaube" unter den internationalen Kritikern jedenfalls als legitimer Preisfavorit.
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