Venedig. Und der Goldene Löwe geht an . . . die Religion. Bevor heute, Samstag, am Abend beim 69. Filmfestival in Venedig im Rahmen der feierlichen Abschlussgala im Palazzo del Cinema am Lido die Goldenen und Silbernen Löwen vergeben werden, steht das Thema Glaubensfragen schon als erster Sieger fest.

Die Hauptjury unter dem Vorsitz des US-amerikanischen Regisseurs Michael Mann sah in mehr als der Hälfte der insgesamt 18 Wettbewerbsbeiträge das Thema auf vielfältige Weise aufbereitet. Nicht immer war das für einen kleinen Skandal gut, so wie etwa Ulrich Seidls Film "Paradies: Glaube", der prompt eine Anzeige wegen Blasphemie nach sich zog, und der trotzdem, oder auch gerade deswegen, Chancen auf eine Auszeichnung hat. Die Spekulationen darüber, was den Jury-Mitgliedern gefallen könnte, sind wie immer müßig. Wie offen sind sie in ästhetischer Hinsicht? Wie konservativ? Wie sehr lieben sie das Radikale? Fakt ist, dass viele der gerade meist beworbenen Filme unter den Erwartungen blieben, und dennoch muss sich Festivalchef Alberto Barbera keinen Vorwurf gefallen lassen. Er hat heuer eine neue Programmqualität erreicht und Beiträge voll eigenwilliger Handschriften gesammelt.
Männer-Sekten-Drama
Eine vorhersehbare Auszeichnung wäre die an Regisseur Paul Thomas Anderson für sein Männerfreundschafts-Sekten-Drama "The Master", in dem Philipp Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix eindrucksvoll zeigen, wie attraktiv eine gut funktionierende Gruppe und ein charismatischer Führer auf ein labiles Individuum wirken können. Visuell stark, aber narrativ sehr mangelhaft, zeigt der Film dennoch eine technische Weiterentwicklung in Andersons Werk.
Wie zu erwarten programmatisch auf absurde Überraschungen angelegt war dagegen Harmony Korines kreischender Abgesang auf amerikanische Klischees und deren Vermarktung. Sein Roadmovie "Springbreakers" erzählt nach dem klassischen "Da warens nur noch zwei"-Prinzip von vier Teenager-Mädchen auf unbewusstem Selbstfindungstrip. Er führt vom Himmel in die Hölle und dort fünfmal im Kreis, bevor er seine völlig ahnungslosen Darsteller - darunter Selena Gomez, Vanessa Hudgens und James Franco - auf genau jenes Publikum spuckt, das den Film wegen der falschen Gründe lieben wird. Dass dem 39-jährigen Korine dafür der Goldene Löwen zugesprochen wird, scheint aber unwahrscheinlich - stärker dürfte die Lobby etablierter Regisseure wie Anderson, Marco Bellocchio oder auch Kim Ki-duk sein.
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