Es ist auch eine Anerkennung für den österreichischen Film, aber mehr noch ist es eine Würdigung des Werks von Ulrich Seidl, der am Samstag Abend beim 69. Filmfestival in Venedig mit dem Preis der Jury (zum zweiten Mal nach 2001 für "Hundstage") ausgezeichnet wurde.

Sein Film "Paradies: Glaube", der zweite in seiner "Paradies"-Trilogie, hatte in Italien für Aufsehen gesorgt, weil es darin um einen erzkonservative gottesfürchtige Frau (Maria Hofstätter) geht, die missionierend von Tür zu Tür zieht. Für eine Szene, in der sie sich mit einem Christus-Kreuz selbst befriedigt, gab es gar eine Anzeige wegen Blasphemie von der ultrakonservativen katholischen Vereinigung NO 194.
Und jetzt dieser Preis, quasi als Kontrapunkt zum vielfach als geschmacklos und beleidigend gewerteten "Paradies: Glaube", der Seidls Stil formal wie inhaltlich weiterentwickelt hin zu einem verstörend-repetitiven Kino der Schmerzlichkeiten: Ja, Seidl ist sich bewusst, dass er Menschen mit seinem Film weh tun kann, aber er nimmt das in Kauf, weil er gerne auf die Zustände in der Welt reagiert, und sie korrekt wiedergibt, zumindest so, wie er als Künstler es als korrekt empfindet.
Dass der Goldene Löwe schließlich nach Korea an den Regisseur Kim Ki-duk und seinen Film "Pieta" ging, unterstreicht nur den Trend, der sich das ganze Festival über bereits abgezeichnet hatte: Es sind Festspiele des Glaubens gewesen, sie haben Religion(en) und ihre Einflussnahme auf die Menschen genau seziert, jeder Film aus seine Weise, aber keiner weniger energisch als der andere. Das Jahr 2012, geprägt von Weltuntergangsängsten und dem seit 9/11 schwelenden Konflikt zwischen Islam und Christentum, ist der passende Nährboden für Filme über den Glauben.
"Pieta" jedenfalls markiert die Rückkehr des Festival-Lieblings Kim Ki-duk auf die internationale Bühne, nachdem der Regisseur aufgrund einer Depression und Schaffenskrise lange Zeit in einer Waldhütte lebte und dort auch die Doku "Arirang" drehte, die 2011 in Cannes präsentiert wurde. "Pieta" ist eine wuchtige Kritik am Kapitalismus, die einen Mann zeigt, der Gelder von Schuldnern eintreibt, und das gerne mit brutaler Härte tut. Der Mann versichert Verkrüppelungen, und seine Schuldner sind oft heilfroh, wenn sie ihre Gelenke brechen lassen können, nur um nicht weiterhin in Geldnöten stecken zu müssen. Irgendwann wird dieser Vollstrecker mit seiner Mutter konfrontiert, die ihn nach seiner Geburt ablehnte und nun um Gnade bittet. Eine Katastrophe in der noch zaghaft vorhandenen Gefühlswelt dieses Mannes. Ein würdiger Preisträger, durch und durch in Ki-duks Stil einer depressiv-pessimistischen Tonlage voller archaischer Gewalt gehalten; doch Gewalt ist für den Regisseur stets das einzige adäquate Ausdrucksmittel von Liebe und menschlichen Beziehungen, niemals Provokation, wie er mehrfach betonte.
Auch der US-Amerikaner Paul Thomas Anderson hatte Grund zur Freude: Für sein Sektendrama "The Master" erhielt er den Silbernen Löwen für die beste Regie, seine Hauptdarsteller Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman wurden als beste Schauspieler prämiert. Hadas Yaron (als beste Darstellerin in "Fill the Void") erhielt ihren Preis verdient, wenngleich es schade ist, dass Maria Hofstätter in Seidls "Paradies: Glaube" leer ausging.
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