• vom 14.09.2012, 19:30 Uhr

Film

Update: 15.09.2012, 12:38 Uhr
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Cannes-Preisträger Michael Haneke im Interview

"Eine Taube ist eine Taube"


Von Alexandra Zawia

  • Regisseur über Liebe, Glauben und den Wetterbericht.

Im brillant gespielten Drama "Amour" begleitet ein altes Ehepaar einander in den Tod: Georges (Jean-Louis Trintignant) pflegt seine Frau Anne (Emmanuelle Riva) nach ihrem Schlaganfall durch ihre fortschreitende Demenz und ihren Verfall. Michael Hanekes berührend unsentimentaler Film basiert auf persönlicher Erfahrung mit dem Sterben.

"Wiener Zeitung": Viele sehen "Amour" als Ihren "persönlichsten" Film, mit mehr Empathie für Ihre Figuren. Stimmen Sie dem zu?

Michael Haneke, 70, erzählt mit seinem Film "Amour" von einem "Alptraum für jeden".

Michael Haneke, 70, erzählt mit seinem Film "Amour" von einem "Alptraum für jeden".© EPA Michael Haneke, 70, erzählt mit seinem Film "Amour" von einem "Alptraum für jeden".© EPA

Michael Haneke: Nein, denn in allen meinen Filmen herrscht von mir die gleiche Empathie für die Figuren, und bis auf "Funny Games" habe ich noch nie einen Film gemacht, um zu provozieren. Wenn ich etwas schreibe, stelle ich mir immer und bei jeder Figur vor, sie wäre ich selbst. Ich würde mich ja selbst hassen, hätte ich keine Empathie mit mir selbst, aber ich hasse mich nicht.

Was bedeutet Liebe für Sie?

Das bleibt mein Geheimnis. Beim Versuch, solche Dinge zu definieren, kann man nur scheitern. Mein Philosophie-Professor hat immer gesagt: "Wenn du jemanden verbal ruinieren willst, lass ihn definieren, schon ist er mundtot." Alle großen Themen lassen sich leider nicht definieren. Die beiden Figuren im Film lieben einander, aber die Situation, in der sie sind, lässt sie einander auch ein wenig hassen. Nicht jeder kann großzügig und selbstlos damit umgehen, den anderen leiden - ihn sterben -zu sehen.

Aber die Idee für den Filmtitel stammt von Jean-Louis Trintignant. Er meinte nach Lesen des Drehbuchs, die Geschichte sei so voller Liebe, warum der Film nicht gleich diesen Titel trage.

Hatten Sie die Rolle für Trintignant geschrieben?

Ja, ohne ihn hätte ich diesen Film nicht gemacht. Es war anfangs nicht leicht, ihn dafür zu gewinnen, denn er hatte mit seinem Leben abgeschlossen, mit seiner Karriere sowieso. Aber für die Figur von Jean-Louis ist es ganz wichtig, dass er diese menschliche Wärme verstrahlt, und ich kenne kaum einen Schauspieler, der das in diesem Maße kann.

Warum dieser Film zu diesem Zeitpunkt ihn Ihrem Leben?

Weil ich, fast wie jeder heutzutage, natürlich auch in meiner Familie mit dem Leiden von jemandem konfrontiert war, dem ich hilflos zusehen musste. Das war eine sehr schmerzvolle Erfahrung. Alt wird jeder, der Verfall im Alter ist ein Thema, das wirklich jeden einmal betrifft. Und trotzdem verbannt die Gesellschaft alles, was mit "alt" zu tun hat aus dem Gesichtskreis, es findet alles hinter verschlossenen Türen statt, das ist schrecklich, darum muss sich Kunst kümmern.

Die paar Male, wenn Anne und Georges auf ihre Tochter oder ihren Schwiegersohn treffen, wird klar, welche großen Generationsunterschiede hier vorliegen. Ist dies auch ein Film über eine verschwindende Zeit?

Jede Generation entwickelt das für sie bestmögliche Lebenskonzept, je nach aktuellen Umständen. Das Interessante und gleichzeitig Traurige daran ist, dass damit immer mehr Kommunikationsprobleme entstehen, es einen permanenten Konfliktherd bietet und immer auch eine Abkehr meint. Die ältere Generation ist immer die, die sich aus der Welt zurückzieht, weil sie mit den Veränderungen nicht mehr umgehen kann. Ich persönlich kann natürlich nur einen Film über jene Generation - wie auch nur über jene Gesellschaftsschicht - machen, mit der ich selbst vertraut bin.

Unsere Gesellschaft ist so strukturiert, dass man ein Millionär sein muss, wenn man zum Pflegefall wird, damit man sich die Pflege leiten kann. Obwohl Österreich ein sogenannter Sozialstaat ist, sind Personen in so einem Fall meist gezwungen, ihr Zuhause, ihre vertraute Umgebung, wo sie sich sicher und geborgen fühlen, zu verlassen und sich zum Beispiel in ein Heim zu begeben. Das ist ein schrecklicher Prozess, ein Alptraum für jeden.



Für den Film haben Sie die Wohnung Ihrer Eltern nachbauen lassen?

Der Grundriss des Appartments ist die Wohnung meiner Eltern in Wien, den wir nach Paris transferiert haben und entsprechend französisch eingerichtet haben, weil es mir beim Schreiben leichter fällt, einen konkreten Ort vor Augen zu haben. Was aber nicht bedeutet, dass die Geschichte, die ich in "Amour" erzähle, irgendetwas mit meinen Eltern zu tun hat. Aber mir half die bekannte Geografie beim Erfinden der Details zu diesem Film, denn ich arbeite mit Prävisualisierung, das heißt, ich plane jede Einstellung bereits zuhause in einem Modell und weiß daher, wann wo welche Kamera steht am Set. Ich bin ja der Meinung, der Erfolg eines Films liegt einzig und allein in seiner genauen Vorbereitung. Dass man als Regisseur ans Set kommt und denkt, man lässt sich dort einfach inspirieren, daran glaube ich nicht.

Glauben Ihre Figuren an etwas?

Das weiß ich nicht. Obwohl meine Figuren nie offensichtlich religiös sind, gibt es inzwischen dutzende Bücher theologischer Fakultäten über mich. Ich glaube schon, dass meine Filme immer auch eine über den puren Realismus hinausgehende Dimension ansprechen. Ob Georges im Film religiös ist oder nicht, weiß ich also gar nicht genau, denn ich war ja nicht immer dabei, wenn er alleine war, ich begleitete ihn ja nur in den Szenen, die im Film zu sehen sind. Einmal lauscht er dem Bach-Choral und bricht ihn ab.




Schlagwörter

Michael Haneke, Amour, Film

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-14 17:57:20
Letzte Änderung am 2012-09-15 12:38:25


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