Es gibt sie zu Tausenden, in jeder Stadt, an sogenannten neuralgischen Punkten, an denen Dinge "passieren" können: Überwachungskameras sind Teil unseres Alltags geworden und auch weithin akzeptiert; Bedenken zwischen Orwell’schem Überwachungsstaat und Verletzung der Persönlichkeitsrechte sind im Zeitalter der Terrorismusbekämpfung verstummt, weil unerwünscht. Der österreichische Filmemacher Michael Palm hat in seinem dokumentarischen Film-Essay "Low Definition Control" (ab Freitag im Kino) nun den sperrig-spröden Versuch unternommen, diese Welt der Überwachung auf einer Ebene zwischen realer Observierung, auf körnigem Super8-Material nachgestellten Überwachungsszenen und tiefgehenden Off-Kommentaren von Experten aus Medizin oder Philosophie abzubilden; ein fordernder Film, von einer avantgardistischen Bildsprache und einer detailverliebten Ton- und Schnittarbeit eingefasst, als komplexes Diskursangebot an seine Zuschauer; und doch erschließt sich eine letztlich simple Botschaft, die der Regisseur selbst so auf den Punkt bringt: "Es ging mir um einen Status quo von Kontrolltechnologien, die in Zusammenhang mit Bildern stehen."
Ein Science-Fiction-Film
Palm spannt einen Bogen von Überwachungskameras im öffentlichen Raum bis zu bildgebender Diagnostik in der Medizin. "Es ist auch eine Art Science-Fiction-Film: Gerade in der Medizin arbeiten vorwiegend Wissenschafter, und die haben große Träume."
Die Medizin arbeite mehr prognostisch und präventiv als dokumentarisch - und operiere gar nicht mit realen Bildern: "Es handelt sich um gerechnete Bilder, die dem Auge zuliebe erstellt werden, aus Daten, die eine umfangreiche Expertise brauchen."
Am anderen Ende steht Palms Vorspiegelung permanenter Überwachung: "Ich spiele mit Wahrnehmung: Die meisten Bilder im Film stammen nicht von Überwachungskameras. Sie sehen zwar so aus, sind weitwinkelig und von oben gefilmt, transportieren also die bekannten ästhetischen Codes, sind aber beim genauen Hinsehen Filmbilder. Die Verwendung von Super8-Filmmaterial war mir wichtig, um zu unterstreichen, welche Qualitäten durch digitale Bilder im Gegensatz zu analogen verloren gehen."
Die Bild-Melange subsumiert in "Low Definition Control" letztlich die Machtfrage: Wie funktioniert die Macht, die einen der Wissensvorsprung der Bilder liefert? Und welche Mechanismen führen im Alltag dazu, dass die Anwesenheit von Kameras gewisse Verhaltensmuster produzieren? "Kameras vermitteln das Gefühl, irgendjemand sieht alles, was du tust, wie der liebe Gott. Das kommt sicher auch aus einer religiösen Haltung, aber der Sinn ist eigentlich, eine Art von Selbstbeobachtung und Selbstregierung zu etablieren. Dass man lernt, sich konform innerhalb eines Settings zu verhalten", meint Michael Palm.
Indes findet bei den Mächtigen, also jenen, die die Bilder auswerten, ein Paradigmenwechsel statt: "Im Moment sind wir grundsätzlich alle verdächtig. Man ist quasi immer gefährdet, kriminell zu werden. Es muss gar nichts mehr passieren, sondern es wird präventiv erfasst. Das ist wie bei Spielbergs ‚Minority Report‘, wo die Polizei schon vor der Tat am Tatort ist. Man steht nicht mehr als Unschuldiger da, sondern als potenziell Schuldiger. Genau wie in der Medizin, wo man durch die Bildgebung schon als potenziell krank gehandelt wird."
Palm stellt diese Handhabe durchaus in Frage und will seine Zuseher auch wachrütteln aus dem Bilder-Alptraum: "Der Film soll funktionieren wie ein Traum, in den man hineinkippt und aus dem man gescheiter aufwacht."
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