• vom 23.09.2010, 15:35 Uhr

Film

Update: 23.09.2010, 15:48 Uhr

Tobias Moretti im Interview über seine Rolle in Oskar Roehlers "Jud Süß - Ein Film ohne Gewissen"

"Ein Opfer kann nicht Nein sagen"




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Von Matthias Greuling & Alexandra Zawiaon

  • Heftige Kontroversen um einen Film.
  • Subtile Mechanismen der Propaganda.
  • Wenn ein Schauspieler Verrat begeht.
  • Wien. Mit "Jud Süß - Ein Film ohne Gewissen" drehte der deutsche Regisseur Oskar Roehler einen Film über die Entstehungsgeschichte von Veit Harlans antisemitischem Propagandafilm "Jud Süß" (1940). Goebbels persönlich überwachte die Herstellung des Films, 20 Millionen Menschen hatten ihn bis zum Ende des Krieges im Kino gesehen. Tobias Moretti spielt nun den Schauspieler Ferdinand Marian, der einst den Jud Süß darstellte.

"Wiener Zeitung":

Der Täter und sein Mitmacher: Bleibtreu (l.) als Goebbels und Moretti als Marian. Foto: apa/Pfarrhofer

Der Täter und sein Mitmacher: Bleibtreu (l.) als Goebbels und Moretti als Marian. Foto: apa/Pfarrhofer Der Täter und sein Mitmacher: Bleibtreu (l.) als Goebbels und Moretti als Marian. Foto: apa/Pfarrhofer

Die Reaktionen auf Oskar Roehlers "Jud Süß" bei der Weltpremiere im Februar in Berlin waren sehr kritisch, weil einige Fakten nicht korrekt dargestellt werden. Gerade beim Thema "Jud Süß" bewegt man sich somit leicht auf gefährlichem Terrain.


Tobias Moretti: Dass der Film kontrovers werden wird, war von vorneherein klar. Das gehört auch zum Konzept, das Gegenteil wäre ja die Katastrophe. Es wäre grausam, würden alle sagen, das ist ein netter Film. Das ist er eben nicht. Es ist ein Brocken, der hingeworfen wird und eben nicht über die dokumentarische Distanz etwas erzählt, das scheinbar politisch korrekt wäre. Man muss heute politisch Stellung beziehen, und das kann nur in der Art der Konfrontation laufen. Ich war mir sicher, nur ein Regisseur, der die Geschichte nicht lauwarm erzählt, kann diesen Film machen. Dass er zwecks dramaturgischer Stimmigkeit einiges veränderte, sehe ich nicht dramatisch. Schwierig ist sicher, dass kaum jemand den Originalfilm kennt und dadurch manche Szenen in diesem Film spekulativ wirken mögen.

Aber man kann beim Publikum doch nicht voraussetzen, einen Film zu kennen, dessen Vorführung bis heute verboten ist.

Das stimmt schon. Ich habe den Film als Student gesehen und nun natürlich erneut. Was mich jetzt irritiert hat, ist eigentlich, wie bestürzend genau dieser Film gemacht ist. "Jud Süß" wurde immer als Symbol des typischen Propagandafilms bezeichnet, was er jedoch nie war, im Unterschied zu einem Film wie "Der ewige Jude". Er ist sehr viel sublimer gemacht, jede einzelne Kameraeinstellung transportiert Ideologie, ohne dass sie einem gleich ins Auge sticht. Das Perfide an diesem Film liegt darin, dass er subversiv seinem Publikum suggeriert, dass der Jude immer nur aus sich selbst heraus agiert und auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Während der treudeutsche Bürgerliche als Idealist für die Idee sterben kann, zählt beim Juden nur das Streben nach dem eigenen Überleben und Vorteil, womit man gleich bei einem fürchterlichen Vergleich ist, weil Tiere so handeln. Um das durchschauen zu können, hätte man den Film zugänglich machen müssen. Und ja, man darf sagen, dass es ein gut gemachter Film war, weil man das sagen muss, um die Mechanismen zu enttarnen. Dass er so gut war, hat ihn funktionieren lassen, und das zu erkennen, ist wichtig.

Sie haben nicht gehadert, die Rolle des Ferdinand Marian anzunehmen?

Sobald ich wusste, dass Roehler den Film macht, nicht mehr. Aber es war für mich schwierig, den Einstieg in die Figur zu finden. Weil Marian ein kaltblütiger, kalkulatorischer Schauspieler war. Er war kein emotionaler Mensch. Mit seiner Leichtigkeit und musischen Begabung hat er das gut übertüncht, aber sich auch immer wieder, in den entscheidenden Phasen, selber zu Fall gebracht. Im Prinzip war er ein spekulativer Spätkarrierist, der Verrat betrieben hat. An seiner Frau, an sich selbst, an seiner Begabung. Aber wir machen uns ja keine Vorstellungen, auf welcher Woge der Privilegien sich diese Leute damals bewegt haben. Die anderen waren in den Niederungen des Daseins, überall Krieg, Dreck, Front. Und die "High Society" hatten Sorgen wie: Was ziehe ich an? Welches Auto nehme ich? Welche Rolle spiele ich? Niemand sonst hatte einen derartigen Status wie Filmschaffende damals.

Wie sehen Sie selbst die Tatsache, dass Marian im Film eine jüdische Frau angedichtet wird?

Ich finde diese Diskussion lächerlich und unpolitisch. Wenn Sie mir die Alternative erklären könnten, das wäre interessant. Ich finde es unerheblich. Es geht doch wirklich um etwas anderes in diesem Film. Aber es ist interessant, wer sich damals aus Opportunität hat scheiden lassen, nur weil der Mann oder die Frau jüdisch oder halbjüdisch waren. Wenn man die berühmten Fälle kennt, die Karajans, die Rühmanns, dann kann man erst mal hochrechnen, wie viele es wirklich waren. Andererseits gibt es ja auch die Fälle, die es nicht getan haben, wie Hans Moser.

Der Punkt, an dem die Kritik hier einhakt, ist ja, dass dadurch und durch andere geschichtliche Fakten, die abgeändert wurden, Rechtfertigungs-Möglichkeiten für Marians Handeln geschaffen und präsentiert werden.

Das sehe ich nicht so.

Regisseur Oskar Roehler hat selbst gesagt, dass Marian am Ende als Opfer dasteht.

Das ist völliger Quatsch! Das habe ich nicht gespielt, diese Rolle habe ich nicht gespielt!

Dennoch steht er am Ende so da.

Aber ich habe einen Menschen gespielt, der in der Konsequenz seines Handelns in den Niederungen des Daseins endet, angepisst und angesoffen und nur noch in apathischer Ohnmacht ein Vakuum darstellt. Und das ist das Schlimmste, weil sich das Vakuum jeder Haltung entzieht. Das habe ich gespielt. Ich habe eben nicht Haltung bezogen. Dass er am Schluss auch noch von einem Juden getreten wird, ist vielleicht zu viel, das hätte man rausschneiden sollen. Denn von Opfer kann gar keine Rede sein. Der Parameter, wann ein Mensch korrupt wird und wann nicht, funktioniert nicht auf dieser einfachen Schwarz-Weiß-Skala. Es ist eine Frage der Perspektive, und seine Perspektive zeigt der Film. Wenn Marian zum Beispiel einmal behauptet, dass er diesen Juden anders darstellen wolle, entschuldigt das in keiner Weise die Hurerei, die er betreibt. Im Prinzip ist es ganz einfach: Ein Opfer kann nicht Nein sagen - aber Marian hätte es gekonnt.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-09-23 15:35:27
Letzte Änderung am 2010-09-23 15:48:00


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