• vom 20.05.2014, 20:00 Uhr

Film

Update: 11.05.2015, 12:39 Uhr

Film

Das Leben in Zeiten der Krise




  • Artikel
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling, Cannes

  • Mit "Deux jours, une nuit" könnten die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne die Goldene Palme holen.

Cannes. Cannes-Festivalchef Thierry Frémaux hat "Deux jours, une nuit" von den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne als "belgischen Western" bezeichnet, und das, obwohl die Dardenne-Brüder sich sonst nicht gerade durch spektakuläre Showdowns auszeichnen, sondern eher durch stilles, vielschichtiges Kino über die sozialen Verhältnisse ihrer Filmfiguren. Dieser feinfühlige Umgang mit komplexen Lebensverhältnissen hat den Dardennes bereits zwei Mal die Goldene Palme eingebracht (für "Rosetta" und "The Child").

Diesmal ist Marion Cotillard die Hauptfigur im neuen Dardenne-Drama: Sie spielt eine Frau aus der Arbeiterklasse, die nur ein Wochenende Zeit hat, um für den Erhalt ihres Jobs zu kämpfen. Gemeinsam mit ihrem Mann zieht sie umher, um ihre Chefs davon zu überzeugen, auf ihre Boni zu verzichten; nur so würde ihr Arbeitsplatz weiter bestehen. Die Dardenne-Brüder beschäftigen sich mit "Deux jours, une nuit" mit der Wirtschaftskrise, die Europa in den letzten Jahren fest im Griff hatte, und mit den Auswirkungen der Krise auf die Menschen. Sie legen ein hochqualitatives Drama voller Intensität vor, das famos gespielt ist. Durchaus ein Kandidat für die Goldene Palme.


"Die Krise hat die Solidarität unter den Menschen nicht gesteigert. Solidarität muss aufgebaut werden, sie entsteht nicht von selbst", sagte Luc Dardenne in Cannes. "Solidarität ist eine moralische Entscheidung. Wie man in unserem Film sieht, gibt es doch noch Menschen, die diese Entscheidung im Sinne ihrer Mitmenschen treffen".

Für Marion Cotillard ist es die erste Zusammenarbeit mit den Dardenne-Brüdern. "Sie verlangen einem viel ab, aber es lohnt sich", sagt Cotillard. "In ihren Filmen gibt es so viel Wahrheitsgehalt, so viel Realismus und so viele Überraschungen". Cotillards Figur in "Deux jours, une nuit" ist einmal mehr eine Frau, die es im Leben nicht leicht hat. Schon öfter hat Cotillard solche Frauenrollen gespielt, zuletzt etwa in "Rust & Bones" als beinamputierte Waltrainerin. "Ich liebe komplexe Figuren", sagt sie. "Ich sehe, wie diese Frauen um ihr Überleben kämpfen und dabei Dinge an sich entdecken, von denen sie gar nicht wussten, dass es sie gibt. Mich berühren Menschen, die trotz widriger Umstände ihr Leben meistern. Das lehrt mich viel über das Menschsein".

Für Cotillard ist der Schlüssel zur Arbeit mit den Dardennes die sorgfältige Vorbereitung gewesen. "Nichts an diesem Film wurde improvisiert, hier wurde alles genau geplant", sagt Cotillard. "Das ist überhaupt die Voraussetzung dafür, wenn man wahrhaftiges Kino machen will".

Dass Cotillard mit ihren 38 Jahren nicht nur zu Frankreichs größten Filmstars gehört, sondern nebenbei auch für ihre Schönheit gepriesen wird, ist für sie kein Nachteil, wie sie betont: "Schönheit und Sozialrealismus sind kein Widerspruch im Kino, finde ich. Ich bin außerdem wandelbar: Ich kann auf der Leinwand schön sein, aber auch hässlich. Wandelbarkeit ist in meinem Job kein Nachteil".

Diese Wandelbarkeit möchte Cotillard in Hinkunft gerne noch intensivieren: "Ich möchte gerne endlich mal in einem Actionfilm mitspielen", sagte sie. Und: "Mich fasziniert schon lange die Idee, einmal einen Mann zu spielen. Das wäre sicher aufregend".




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-05-20 17:11:18
Letzte ─nderung am 2015-05-11 12:39:31



Filmkritik

Schneemann mit rosa Schal

Detective Hole (Michael Fassbender) tappt angesichts eines Mordes an einer jungen Frau zunächst im Dunklen. - © Universal Pictures Serienmörder haben sich zu einer Art Mythos entwickelt, in der Literatur wie im Kino oder Fernsehen. Bereits der erste deutsche Tonfilm von 1931 schuf... weiter




Filmkritik

Am Ende zählt die Freundschaft

Akkurate Darstellung: John McEnroe (Shia LaBeouf) und Björn Borg (Sverrir Gudnason) spielen das Match ihres Lebens. - © Filmladen Tennis als Therapie für die inneren Dämonen, das kann - wie bei vielen anderen Sportarten auch - als Ventil gut funktionieren... weiter




Happy End

Die bourgeoise Ego-Show

Was für eine Überraschung zum Lunch: Familie Laurent erblickt einige ungebetene Gäste. - © Filmladen Zum Auftakt ein hochformatiges Handyvideo von einem Hamster, der mit Tabletten vergiftet wird. Dann die Kranperspektive auf eine Baustelle in voller... weiter





Werbung



Kommentar

Jessas Mariandjosef

Es ist halt offenbar so: Der Mensch des 21. Jahrhunderts kann nicht mehr ohne Verhaltenskodex. Von allein kommt er nicht mehr auf die einfachsten... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Ära des geilen Mannes
  2. "Man kommt gar nicht mehr hinterher"
  3. "Rückhalt Erdogans bröckelt"
  4. "Lucky"-Regisseur prophezeit Festival ein langes Leben
  5. Die Seele der Dinge
Meistkommentiert
  1. Das Hosentürl zum Ruhm
  2. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  3. Die Ära des geilen Mannes
  4. Schönheitskönigin
  5. "Wo das große Geld ist, sind Frauen rar"

Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Während einer Protestveranstaltung gegen Polizeigewalt vor dem Police Department von Baton Rouge, Louisiana, USA, am 9. Juli 2016, stellt sich die Aktivistin Ieshia Evans den vorrückenden Polizisten entgegen und streckt ihre Hände aus, bereit, sich verhaften zu lassen. Georgeund Amal Clooney gehörte die Aufmerksamkeit am Wochenende. Die gemeinsamenZwillinge blieben jedoch daheim bei der Nanny.

Matt Damon mit seiner Frau Luciana Barroso. "Downsizing", in dem Damon die Hauptrolle spielt, hat die 74. Festspiele von Venedig eröffnet. Der US-amerikanische Rapper Kendrick Lamar wurde sechsfach ausgezeichnet. Der wichtigste Preis: Sein Hit  "Humble" wurde zum Video des Jahres gewählt.

Quiz



Werbung



Werbung


Werbung