• vom 14.11.2014, 17:40 Uhr

Film

Update: 14.11.2014, 17:40 Uhr

Typecasting

Der Tag, an dem Superman starb




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Von Matthias Greuling

  • Die meisten Schauspieler sind nicht so vielseitig, wie sie gerne wären. Dem Kino schadet das aber nicht.

Retter in der Not: George Reeves verzweifelte an seiner Paraderolle als "Superman".

Retter in der Not: George Reeves verzweifelte an seiner Paraderolle als "Superman".© corbis Retter in der Not: George Reeves verzweifelte an seiner Paraderolle als "Superman".© corbis

Unvorstellbar! Superman ist tot! Der Held, der uns vor allem Bösen beschützt und selbst als unverwundbar galt, lebt nicht mehr. Oder sagen wir besser: sein irdischer Interpret. Denn vom Übermenschen Superman gibt es in unserer Welt nur lasche Abziehbilder, weil wir halt alle ganz ohne Superkräfte geboren wurden.

Als man am 16. Juni 1959 die Leiche von George Reeves fand, war das die Geburt eines Mythos, wie ihn nur Hollywood schreiben kann. Reeves jagte sich eine Kugel durch den Kopf, so jedenfalls steht es in der offiziellen Version. Die genauen Umstände konnten nie geklärt werden, doch Suizid erschien angesichts seiner Geschichte nicht unplausibel. Reeves war ein klassisches "Opfer" der Hollywood-Maschinerie, die den Drang nach Ruhm für einige Schauspieler erfüllte, aber nicht so, wie es diese gerne gehabt hätten. Ben Affleck hat Reeves mit "Hollywoodland" 2006 ein Denkmal gesetzt.


Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Reeves, damals 45, bereits 102 Folgen der TV-Serie "Adventures of Superman" gedreht - und zwar als Titelheld. Für alle war Reeves der Garant für Recht und Ordnung, vor allem die Kinder liebten ihn. Am Hinterausgang des Filmstudios warteten sie stundenlang, bis "Superman" sich ihnen endlich zeigte. Allein: Reeves war eben kein Superheld und konnte den Kindern nicht demonstrieren, wie man mit einer Hand ein Auto stemmt.

Der lange Schatten dieser Rolle soll ihn letztlich in den Suizid getrieben haben, heißt es. Denn Reeves spielte zwar auch Rollen in Klassikern wie "Vom Winde verweht", "Samson und Delilah" oder "Verdammt in alle Ewigkeit" - bekannt und geliebt wurde er aber nur in seiner Paraderolle.

Karrierefalle "Typecasting"
Paraderolle, was ist das eigentlich? Der Duden sagt, das wäre eine "Rolle, in der ein Schauspieler, eine Schauspielerin den größten Erfolg hat". Diese Definition ist nichts anderes als die positive Formulierung eines Grundproblems schauspielerischen Selbstverständnisses: Die Falle, in die so mancher auf der Suche nach Ruhm und Unsterblichkeit tappt, nennt sich "Typecasting" und bezeichnet Schauspieler, die nicht nur, aber überwiegend immer wieder sehr ähnliche Rollen spielen.

Wer gedanklich kurz durch die (vor allem US-amerikanische) Filmgeschichte schweift, erkennt, wie viele gefeierte Superstars eigentlich am Ende ihrer Karriere in einer Schublade gelandet sind, in der sie vermutlich lieber nicht lägen. Hier funktioniert folgende Faustregel: Je berühmter ein Star, desto mehr ist er vermutlich auf ein Rollenbild festgelegt. John Wayne zum Beispiel: Er wird in der Wahrnehmung immer der Prototyp des Westernhelden sein; eine Blaupause und ein Vorbild für alle anderen, die sich in dem Genre versucht haben, aber auch die Versinnbildlichung einer ganzen geschichtlichen Epoche, deren Staubigkeit man als Zuseher aus den Gesichtszügen Waynes abzulesen glaubt. Clint Eastwood ging es lange Zeit nicht anders, und auch, wenn er in späteren Jahren vor allem durch seine Regiearbeiten künstlerischen Respekt erlangte, bleibt am Ende doch der knurrige Westernheld. Noch in seiner Arbeit "Gran Torino" (2008), in der er einen grantelnden alten Herrn spielt, der in der Vorstadt sein Hab und Gut verteidigt, spricht der Revolverheld aus ihm. Christopher Lee, inzwischen über 90, hält angeblich den derzeitigen Weltrekord mit über 275 Filmrollen. Aber viel meint nicht vielseitig. Am Ende kennt man ihn doch vor allem als Dracula.

Es gibt auch Beispiele, wie Typecasting sogar historische Tatsachen in ihrer Wahrnehmung verdrehen kann: Romy Schneider hatte hierzulande einen solchen Erfolg als "Sissi", dass heute jeder glaubt, Elisabeth von Österreichs Kosenamen schriebe man mit Doppel-S und die Monarchin hätte tatsächlich ein so süßes Backfisch-Lächeln gehabt. Weit gefehlt. Auch Mozart sah nicht aus wie Tom Hulce oder Oskar Werner, und Hitler nicht wie Bruno Ganz.

Jim Carrey zieht Fratzen
Allein im aktuellen Kinoprogramm finden sich genügend Beispiele, wie Superstars ihren Ruhm mit den ewiggleichen Rollenbildern festigen wollen (oder: müssen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt): Hugh Grant ist in "Wie schreibt man Liebe?" natürlich wieder der schusselige, aber zutiefst schwärmerisch veranlagte Weichspül-Mann, der nichts anderes tut, als in romantischen Komödien sein Gesicht in charmante Lachfalten zu legen. Jim Carrey ulkt sich durch "Dumm und Dümmehr", eine Neuauflage des Blödelklassikers "Dumm und Dümmer" (1994) der Farrelly-Brüder. Ganz ehrlich: Was, bitte, soll ein Mann wie Carrey denn sonst spielen, mit dieser Visage? Fratzenziehende Gestalten, dafür liebt man ihn. Oder Liam Neeson: Der stakst als Actionheld durch den mäßigen Thriller "Ruhet in Frieden". Wobei Neeson ein Sonderfall in der Typecasting-Ecke ist: Er hat es immerhin geschafft, von einer Schublade in die andere zu übersiedeln, nachdem er 1993 mit "Schindlers Liste" den Grundstein zu einer Karriere als Darsteller historischer Persönlichkeiten legte - es folgten Rob Roy, Michael Collins oder Alfred Kinsey. Spät sprang Neeson auf den Actionzug auf und spielt seit "Taken" (2008) regelmäßig solche Rollen. Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone dürfte das neidisch machen: ein Actionheld mit 62, der ganz ohne Muskeln auskommt. Sly und Arnie haben bekanntlich ihr eigenes Typecasting zu ertragen, von Terminator und Conan bis Rambo und Rocky.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-11-14 16:35:06
Letzte ─nderung am 2014-11-14 17:40:34




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