• vom 29.01.2015, 16:30 Uhr

Film

Update: 29.01.2015, 17:56 Uhr

Gruber geht

Vom Durchhalten




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Regisseurin Marie Kreutzer über "Gruber geht" und die Arbeitsrealität heimischer Filmschaffender.

Gruber (Manuel Rubey) findet in der DJane Sarah (Bernadette Heerwagen) Lebensmut. - © Thimfilm

Gruber (Manuel Rubey) findet in der DJane Sarah (Bernadette Heerwagen) Lebensmut. © Thimfilm

Marie Kreutzer sagt: "Kontrolle ist eine Illusion", und meint damit, dass "wir alle glauben, unser Leben im Griff zu haben". Als der jungen Regisseurin, die erstmals mit dem Ensemblestück "Die Vaterlosen" (2011) auffiel, das Buch "Gruber geht" von Autorin Doris Knecht in die Hände fiel, da wusste sie: Das ist der perfekte Stoff für ihren zweiten Langfilm, der jetzt in den Kinos läuft.

Marie Kreutzer "Selbsteinschätzung ist wichtig".

Marie Kreutzer "Selbsteinschätzung ist wichtig". Marie Kreutzer "Selbsteinschätzung ist wichtig".

Gruber, ein junger Mann Mitte 30, gespielt von Manuel Rubey, ist verwöhnt von seinem Jet-Set-Leben und hat alles, was man(n) vermeintlich zum Glück benötigt: Mehr als ausreichend Geld, mehr als ausreichend Frauen. Doch dann erhält er die Diagnose Krebs. Und verliebt sich zugleich zum ersten Mal in seinem Leben so richtig. Alles verkehrt sich ins Gegenteil, der einstige Fokus verschwimmt, der Alltag kreist plötzlich um ganz essenzielle Dinge.


Die Krebserkrankung der Hauptfigur war für die Regisseurin auch Gegenstand ihrer Vorbereitungen: "Ich habe mich schon immer sehr intensiv mit Krankheitsbildern auseinandergesetzt, weil ich hypochondrisch veranlagt bin", sagt Marie Kreutzer. "Ich habe mir oft selbst vorgestellt, wie es ist, schwer krank zu sein. Ich war bei meiner Recherche überrascht, wie Menschen mit Krebs im Alltag umgehen, wie man mit dem Rhythmus, den einem die Chemotherapie aufzwingt, lebt. Da bekommt die Krankheit eine gewisse Alltäglichkeit. Viele Patienten, mit denen ich gesprochen habe, meinten, die Diagnose Krebs mache das Leben von einem Tag auf den anderen sehr einfach - was natürlich nicht positiv gemeint ist. Aber es geht dann nur mehr um eine Sache: Um das Gesundwerden, alles andere wird nebensächlich."

Weil die Romanvorlage genau diesen Prozess eingehend schildert, setzt Kreutzer auch in ihrer Inszenierung auf den nicht immer subtilen Rundumschlag gegen gesellschaftliche Zwänge, die mancher fälschlicherweise als Normen versteht. "Kontrolle über das eigene Leben wird uns als anzustrebender Wert verkauft: Sei es nun mit einer Alarmanlage im Einfamilienhaus, oder mit dem Irrglauben, bei bestimmter Ernährung oder nach einem Rauchstopp sicher nicht sterben zu müssen", sagt Kreutzer. "Andererseits geht es in dem Roman auch um das Funktionieren. Gesellschaftlich muss man heute ständig verfügbar sein. Man ist nicht nur einem beruflichen, gesundheitlichen und ästhetischen Druck ausgesetzt, sondern auch einem sozialen. Gruber widersetzt sich dem aber immer wieder."

Genau dieser Umstand war für Kreutzer das Sympathische an diesem grundsätzlichen "Unsympathler": "Dass er sehr ehrlich und autark ist. Ein Sympathieträger ist Gruber nicht. Eine wichtige Frage war , ob man sich als Zuschauer für Gruber wirklich erwärmen kann. Er hat eine ziemlich harte Art, und seine Ehrlichkeit schmerzt. Aber das lernte ich auch schätzen an ihm."

"Wir hängen in der Luft"
Dass Kreutzer nach "Die Vaterlosen" nun ihren zweiten Spielfilm realisieren konnte, liegt einerseits an den vielen Filmpreisen, die ihr Erstling abgeräumt hat, des weiteren aber auch an dem Umstand, dass die heimische Filmförderung zumindest in Ansätzen in Richtung Filmnachwuchs modernisiert wurde. Dennoch: Für die Filmemacher stellt sich die Lage immer noch mehr als prekär dar: "Die Branche ist sehr klein, es gibt viele talentierte Leute, die gar nicht alle gleichzeitig beschäftigt sein könnten. Das ist leider die Realität. Wir sind es leider schon gewohnt, nicht zu wissen, wann wir unsere nächsten Projekte realisieren können, weil Förderentscheidungen andauern und man dazwischen in der Luft hängt und nicht planen kann."

Ein Umstand, der die Krux mit einem bürokratischen Förderwesen schonungslos offenlegt: "Das Blöde ist, man weiß nie, wann es sich lohnt, dranzubleiben und wann man aufgeben muss. Ich behaupte, dass das wichtigste in meinem Beruf eher das Durchhaltevermögen ist, und nicht das Talent. Aber das ist ein zweischneidiges Schwert, denn es gibt auch Hartnäckige, bei denen es trotzdem nicht klappt." Ein Versäumnis der Behörden? Nein, denn: "Die Selbsteinschätzung ist genauso wichtig", findet Kreutzer. "Ein großer Teil des Berufs ist auch, dass man sich Kritik gefallen lässt, und dabei differenziert, was man sich aus einer Kritik für die eigene Arbeit mitnehmen kann und was man besser gleich wieder vergisst."




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-29 16:32:06
Letzte ─nderung am 2015-01-29 17:56:06



Filmkritik

Schneemann mit rosa Schal

Detective Hole (Michael Fassbender) tappt angesichts eines Mordes an einer jungen Frau zunächst im Dunklen. - © Universal Pictures Serienmörder haben sich zu einer Art Mythos entwickelt, in der Literatur wie im Kino oder Fernsehen. Bereits der erste deutsche Tonfilm von 1931 schuf... weiter




Filmkritik

Am Ende zählt die Freundschaft

Akkurate Darstellung: John McEnroe (Shia LaBeouf) und Björn Borg (Sverrir Gudnason) spielen das Match ihres Lebens. - © Filmladen Tennis als Therapie für die inneren Dämonen, das kann - wie bei vielen anderen Sportarten auch - als Ventil gut funktionieren... weiter




Happy End

Die bourgeoise Ego-Show

Was für eine Überraschung zum Lunch: Familie Laurent erblickt einige ungebetene Gäste. - © Filmladen Zum Auftakt ein hochformatiges Handyvideo von einem Hamster, der mit Tabletten vergiftet wird. Dann die Kranperspektive auf eine Baustelle in voller... weiter





Werbung



Kommentar

Jessas Mariandjosef

Es ist halt offenbar so: Der Mensch des 21. Jahrhunderts kann nicht mehr ohne Verhaltenskodex. Von allein kommt er nicht mehr auf die einfachsten... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Ära des geilen Mannes
  2. "Man kommt gar nicht mehr hinterher"
  3. "Rückhalt Erdogans bröckelt"
  4. "Lucky"-Regisseur prophezeit Festival ein langes Leben
  5. Die Seele der Dinge
Meistkommentiert
  1. Das Hosentürl zum Ruhm
  2. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  3. Die Ära des geilen Mannes
  4. Schönheitskönigin
  5. "Wo das große Geld ist, sind Frauen rar"

Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Während einer Protestveranstaltung gegen Polizeigewalt vor dem Police Department von Baton Rouge, Louisiana, USA, am 9. Juli 2016, stellt sich die Aktivistin Ieshia Evans den vorrückenden Polizisten entgegen und streckt ihre Hände aus, bereit, sich verhaften zu lassen. Georgeund Amal Clooney gehörte die Aufmerksamkeit am Wochenende. Die gemeinsamenZwillinge blieben jedoch daheim bei der Nanny.

Matt Damon mit seiner Frau Luciana Barroso. "Downsizing", in dem Damon die Hauptrolle spielt, hat die 74. Festspiele von Venedig eröffnet. Der US-amerikanische Rapper Kendrick Lamar wurde sechsfach ausgezeichnet. Der wichtigste Preis: Sein Hit  "Humble" wurde zum Video des Jahres gewählt.

Quiz



Werbung



Werbung


Werbung