• vom 25.06.2015, 16:47 Uhr

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Update: 25.06.2015, 16:50 Uhr

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Vom Anschwellen der Gefühle




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Von Matthias Greuling

  • "Die Liebe seines Lebens": Colin Firth spielt den Kriegsveteranen Eric Lomax, der jahrzehntelang unter einem Trauma litt.

Heilsame Liebe: Eric Lomax (Colin Firth) herzt Patti (Nicole Kidman). - © Filmladen

Heilsame Liebe: Eric Lomax (Colin Firth) herzt Patti (Nicole Kidman). © Filmladen

Der Schotte Eric Lomax (Colin Firth) hat eine schreckliche Vergangenheit: Er und sein alter Freund Finlay (Stellan Skarsgård) gerieten während des Zweiten Weltkriegs in japanische Gefangenschaft - und mussten unter schwerster Folter an der Errichtung der sogenannten "Todeseisenbahn" zwischen Thailand und Burma mitarbeiten. Die Männer mussten sich damals mit bloßen Händen durch Felsen und den Dschungel arbeiten, wurden geschlagen, ausgehungert und Opfer tropischer Krankheiten. Weil ihn dieses Martyrium so sehr quält, findet sich Lomax in der Welt nach der Gefangenschaft nur mehr schwer zurecht. Daran ändert erst die Beziehung zu Patti (Nicole Kidman), einer fürsorglichen Krankenschwester, etwas, die versucht, Lomax seine Erinnerungen erträglicher zu machen. Doch solange sein damaliger Peiniger Nagase (Hiroyuki Sanada) noch am Leben zu sein scheint, hat Lomax nicht wirklich eine ruhige Minute.

Regisseur Jonathan Teplitzky.

Regisseur Jonathan Teplitzky. Regisseur Jonathan Teplitzky.

Die wahre Lebensgeschichte des Weltkriegsveteranen Eric Lomax wurde nun von dem australischen Regisseur Jonathan Teplitzky zu einem Spielfilm verdichtet, in dem Firth und Kidman als problembehaftetes Paar gefallen. "Die Liebe seines Lebens" (ab Freitag im Kino) heißt das Werk. Firths Performance ist tiefgründig, und er spielt den Part auch genau so, wie ihn die Memoiren von Lomax schildern: Hier geht es nicht so sehr um das Vergessen von dem, was vorgefallen ist, sondern um das Vergeben.


Operation Kitschvermeidung
Dass Regisseur Teplitzky trotz verheißungsvoller Filmfotos auf allzu viel Kitsch bei der Umsetzung verzichtet hat, liegt vor allem an der Story: "Ich versuche immer, jegliche Form von Kitsch so weit wie möglich zu vermeiden", sagt Teplitzky im Interview. "Die Geschichte hatte an sich schon eine sehr starke emotionale Wirkung, sodass man wirklich darauf verzichten konnte, sie zusätzlich mit all diesem Brimborium anzureichern. Als ich sie las, stand sie für mich bereits auf eigenen Füßen." Bei Testscreenings seien die Zuschauer jedenfalls reihenweise mit den Emotionen der Figuren mitgegangen, berichtet der Regisseur, ohne dass sie sie allzu sehr im historischen Kontext verortet hätten. "Ich hatte das Gefühl, die Zuschauer pickten sich die Figuren aus der Handlung heraus und betrachteten sie, als wären sie Zeitgenossen. Außerdem war es mir auch wichtig, nicht zu nostalgisch zu erzählen. Nostalgie produziert schnell Helden und Mythen. Ich finde es aber nicht heldenhaft, in einen Krieg zu ziehen und dort zu sterben", sagt Teplitzky.

Der echte Eric Lomax, der 2012 im Alter von 93 Jahren starb, nahm noch regen Anteil an den Vorbereitungen zu "Die Liebe seines Lebens", auch, weil seine Aufzeichnungen ihn schon viele Jahre davor zu einer Art Person des öffentlichen Lebens gemacht hatten. Lomax’ Leben führte ihn im Alter noch einmal mit seinem Peiniger Nagase zusammen; dieses Treffen wurde 1995 in der Doku "Enemy, My Friend" festgehalten. Bewältigung der Vergangenheit? Vielleicht, aber für Lomax hat das nie funktioniert. Zeitlebens wurde er die Dämonen der Vergangenheit nicht los.

Gemächliches Tempo
Dass er mehr als 30 Jahre lang unter dem Trauma seiner qualvollen Vergangenheit litt, musste seine Entsprechung in "Die Liebe seines Lebens" (der Originaltitel "The Railway Man" ist durchwegs passender) finden. "Das habe ich erreicht, indem ich versuchte, das Schicksal von Eric mit heutigen Umständen zu kontextualisieren. Das ist schwierig, ich weiß. Denn niemand kann wirklich nachvollziehen, unter welchen Bedingungen Kriegsgefangene früher gelitten haben. Dennoch wollte ich versuchen, Erics Schicksal so zugänglich wie möglich zu inszenieren."

Einerseits erreicht Teplitzky das durch eine große optische Authentizität seiner Schauspieler. Andererseits fand Teplitzky, "dass der Film sehr klassisch aussehen sollte, was seinen Stil und seine Kameraführung betraf. Da war mir ein gemächliches Tempo sehr wichtig, damit sich das Publikum in die verstörende Welt des Protagonisten einfühlen kann", sagt Teplitzky. "Und wenn man Colin Firth diesen Raum gibt, sich langsam zu entfalten, dann geschieht ein Wunder auf der Leinwand. Das emotionale Level steigt nicht abrupt, sondern kontinuierlich an. Deshalb habe ich Firth besetzt: Weil keiner dieses zaghafte Anschwellen so gut darstellen kann wie er."


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-06-25 16:05:10
Letzte nderung am 2015-06-25 16:50:50



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