• vom 21.09.2016, 16:55 Uhr

Film

Update: 22.09.2016, 07:48 Uhr

Julia Jentsch

Die schwerste Entscheidung ihres Lebens




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Von Matthias Greuling

  • Julia Jentsch über ihre fordernde Rolle in "24 Wochen", einem Film über einen späten Schwangerschaftsabbruch.

Julia Jentsch als Frau im Dilemma: Soll sie ihr Kind abtreiben lassen - nach 24 Wochen?

Julia Jentsch als Frau im Dilemma: Soll sie ihr Kind abtreiben lassen - nach 24 Wochen?© Filmladen Julia Jentsch als Frau im Dilemma: Soll sie ihr Kind abtreiben lassen - nach 24 Wochen?© Filmladen

Die bekannte Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) und ihr Mann Markus (Bjarne Mädel) stehen plötzlich privat vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens. Astrid ist zum zweiten Mal schwanger, und bei einer Routineuntersuchung wird festgestellt, dass ihr Kind mit Down-Syndrom und einem Herzfehler auf die Welt kommen wird. Astrid muss sich - bereits im sechsten Monat schwanger - entscheiden, ob das Kind dennoch zur Welt kommen soll oder ob sie einen in Deutschland legalen, späten Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen soll. Das Drama "24 Wochen" (ab heute, Freitag, im Kino) von Anne Zohra Berrached rührte das Publikum bei der Berlinale-Premiere im Februar zu Tränen.

"Wiener Zeitung": Frau Jentsch, "24 Wochen" ist hochemotionales Kino. Wie haben Sie reagiert, als Ihnen der Film angeboten wurde?


Julia Jentsch: Das Thema ist sehr heftig, und ich hatte beim Lesen ein wenig gezögert, ob ich mich für den Film damit so intensiv beschäftigen soll. Ich bin ja selbst Mutter und kann den Wunsch, ein Kind zu bekommen, sehr gut nachvollziehen. Da gehört die Situation, in die unsere Familie bei "24 Wochen" durch die Diagnosen gerät, sicher zu einer der schwierigsten, die man sich vorstellen kann. Der Stoff ist extrem realistisch und daher extrem hart. Dennoch hat mich das Drehbuch nicht mehr losgelassen. Ich hatte dann ein tolles Gespräch mit Regisseurin Anne Zohra Berrached, die mir ein sehr stimmiges Herangehen an das Thema vermittelte, sodass ich mich von ihr überzeugen ließ, diese Reise gemeinsam mit ihr anzutreten und diese Astrid zu spielen. Für mich persönlich tauchte die Frage, wie es einem selbst in der Situation gehen würde, natürlich zwangsläufig auf. Aber sie kam immer begleitend zu der Entwicklung von Astrid. Denn ich glaube, wirklich nachempfinden kann man eine solche Situation nicht, das geschieht erst, wenn man selbst betroffen ist.

Das Dilemma von Astrid ist, dass die Diagnose über den Zustand Ihres Kindes sich mit der Zeit verschlimmert.

Bei der Diagnose Down-Syndrom, wie sie unser Paar erhält, ist es eigentlich ziemlich häufig, dass es noch weitere Diagnosen, wie zum Beispiel einen Herzfehler, gibt. Ich finde es gut, dass der Film diese Mehrstufigkeit erzählt, denn es entspricht, wie die Recherchen der Regisseurin gezeigt haben, doch ziemlich genau der Realität. Ich finde es gut, wie im Film gezeigt wird, dass sich unser Paar nach der ersten Diagnose des Down-Syndroms für das Kind entscheidet und sich dieser Herausforderung stellen will. Nachher geraten sie wieder ins Wanken. Ich finde es wichtig, dass den Gefühlen von Mann und Frau Raum gegeben wird: Hier der Mann, der eine ganz klare Meinung entwickelt, dort seine Frau, die immer unsicherer und überforderter zu werden scheint.

90 Prozent der Eltern, bei denen eine Behinderung, etwa das Down-Syndrom, festgestellt wird, führen eine Abtreibung durch. Das ist ein sehr hoher Wert.

Mir war das vor dem Film auch nicht klar, und auch nicht, wie häufig es diese Diagnosen gibt. Natürlich kommt einem das nicht so vor, weil die Leute nicht darüber reden, die so eine Diagnose bekommen. Außer die, die das Kind schließlich zur Welt bringen, und das sind aber nicht besonders viele. Das war für mich eine Überraschung. Die Dramatik unseres Films ist keine Seltenheit. In der Realität gibt es viele solcher Fälle und die meisten nehmen den bekannten Ausgang.

Glauben Sie, der Film wirkt auf Eltern anders als auf Kinderlose?

Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann. Ich habe Rückmeldungen von Leuten, die Kinder haben, und auch von solchen, die keine haben - und beide reagieren auf den Film ähnlich intensiv, da konnte ich keine Unterschiede feststellen. Außerdem könnte man bei dem Thema natürlich meinen, "24 Wochen" wäre ein sogenannter Frauenfilm, aber auch diesbezüglich habe ich gemerkt, dass das so überhaupt nicht der Fall ist. Es gab sehr viele Männer, die auf mich zukamen und mindestens ebenso heftig auf den Film reagiert haben. Ich glaube, das liegt daran, dass der Film sehr stark die Partnerschaft ins Zentrum rückt, aber zugleich auch einbezieht, dass Männer in einem solchen Fall noch ganz andere Gefühle entwickeln, etwa Gefühle von Ohnmacht, weil sie sich hilflos fühlen und nicht wirklich eingreifen können.

Astrid ist eine erfolgreiche Kabarettistin. Wieso sollte die Hauptfigur eine Person des öffentlichen Lebens sein?

Der Regisseurin Anne Zohra Berrached war das wichtig, um das Verhältnis der Öffentlichkeit zu dem Thema auszuloten. Sie wollte diese Konfrontation, bei der man nicht nur für sich und im engsten Familienkreis über das Thema diskutiert, sondern sich in einer zweiten Stufe die Frage stellen muss: Wie geht man damit nach außen? Geht man überhaupt damit nach außen?

Das führt zu einer doppelten moralischen Belastung.

Ja, und da spielt auch mit hinein, dass man hier etwas mit sich selbst verhandelt und anschließend auf eine Bühne geht und nach dem Motto "The show must go on" agiert, dabei alles vergessen muss und Leute zum Lachen bringt. Einen größeren Kontrast kann es kaum geben.

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