• vom 29.11.2016, 16:42 Uhr

Film

Update: 29.11.2016, 16:42 Uhr

Peter Handke

Gehen im Wald schafft Platz für den Text




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Von Matthias Greuling

  • Corinna Belz befasst sich in der Doku "Peter Handke - Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte" mit der Welt des Dichters.

Peter Handke und die Muse: Zum Freimachen des Geistes gehören auch alltägliche Arbeiten. - © Stadtkino

Peter Handke und die Muse: Zum Freimachen des Geistes gehören auch alltägliche Arbeiten. © Stadtkino

Corinna Belz

Corinna Belz© Katharina Sartena Corinna Belz© Katharina Sartena

Er ist in seinem Bestreben, die Welt infrage zu stellen, immer noch der alte geblieben: Peter Handke, Philosoph unter den Schriftstellern (oder: Schriftsteller unter den Philosophen) ist Gegenstand eines Dokumentarfilms von Regisseurin Corinna Belz, die darin seinem Schaffensdrang auf den Grund gehen will, zugleich aber auch den Müßiggang als zentrale schöpferische Vorbedingung von Literatur ausmacht. "Peter Handke - Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte" (ab Freitag im Kino) besucht den Dichter bei sich zuhause, in schreibfreier Zeit, aber auch während des stetig andauernden Denkprozesses über die Kunst, die Literatur, die Welt. Handkes Gedanken kreisen gerne ausschweifend um die Frage, wie wir leben sollen und was uns als Menschen eigentlich ausmacht. Und das kann durchaus auch beim Schwammerlsuchen ein Thema sein. Belz hat den Schriftsteller über vier Jahre hinweg immer wieder besucht, und dabei gelingen ihr flüchtige und doch intensive Einblicke in seine Gedankenwelt.

"Wiener Zeitung": Ihr letzter Film porträtierte den Maler Gerhard Richter. Nun ist es Handke. Haben Sie ein Faible für Künstler?

Corinna Belz: Ja, mich faszinieren Künstlerpersönlichkeiten, vor allem, wenn sie ein großes Werk haben, weil man da eine Entwicklung entdecken kann. In jede der Künste greift die digitale Veränderung so stark ein, dass man hier noch einmal genauer hinschauen muss. Aber mit der digitalen Entwicklung in der Welt wird alles schnelllebiger und man hat kaum mehr Zeit für eine Auseinandersetzung mit der Kunst. Genau deshalb mache ich solche Filme.

Gerade Handkes Literatur erfordert diese eingehende Beschäftigung ...

Ja, für ein Buch braucht man ein paar Wochen. Also zumindest ich brauche diese Zeit. Wittgenstein meinte, der Leser solle so viel Zeit zum Lesen brauchen wie der Autor zum Schreiben gebraucht hat. Ich wünsche mir die Zeit zurück, die ich als Studentin mit Lesen verbrachte. Handke findet ja: Das elfte Gebot müsste heißen: Du sollst Zeit haben. Da ist Handke ein unglaublich vorbildhaftes Beispiel. Beim Dreh merkte ich, wie wenig er sich beeinflussen lässt und wie der digitale Overkill uns rundherum alle durchs Leben hetzt. Das ist ihm völlig egal.

Ich fand an Ihrem Film faszinierend, dass Handke zunächst als ein Mann erscheint, der nicht die einfachsten Gedanken hat und dem man darob mit einer gewissen Abstandshaltung begegnet. Und dann hört man ihm zwei Minuten zu und alles wirkt auf einmal so schlüssig.

Ich fand das auch verblüffend. Ich habe vier Jahre lang an dem Film gedreht. Man konnte meist nicht länger als eineinhalb Tage am Stück drehen. Ich hatte so viel unterschiedliches Material, dass das gar keine Chronologie zugelassen hätte. Im Schneideraum bin ich hin- und hergesprungen zwischen den einzelnen Besuchen und habe gar nicht erst versucht, eine Linearität herzustellen. Mein Film über Gerhard Richter hatte eine lineare Struktur, denn da stand am Anfang eine leere Leinwand und am Ende war das Bild fertig. Bei Handke war mir klar, dass das nicht so leicht werden würde. Daraus ergab sich die episodische Form des Films. Dabei tragen wir die Themen Handkes in mehreren Episoden weiter, zum Beispiel das immer wiederkehrende Verhältnis zwischen Realität und Fiktion, das Handke beschäftigt. Oder auch seine Beziehung zu Sprache.

Wie haben Sie zu ihrem filmischen Konzept gefunden?

Mir war klar, dass man den Schreibprozess, das Entstehen von Texten, nicht durch bloßes Abbilden darstellen kann, indem man eine Kamera hinter den Schriftsteller stellt. Handke hätte das sowieso nicht zugelassen und außerdem arbeitet er an unterschiedlichen Orten, manchmal auch im Wald. Sein Haus ist im Schreibprozess von enormer Bedeutung, ebenso die vielen Tätigkeiten und Gewohnheiten, die eine Art Raum für den Text entstehen lassen. Diese kleinen Tätigkeiten, das Schälen der Kastanien, das Sticken, das Gehen im Wald, schaffen Platz für den Text. Und die Stille, die Handke umgibt, und die er immer wieder verteidigt gegen die Familie, Nachbarn und selbstverständlich auch gegen Besucher wie uns, die er großzügig bewirtet, mit seiner legendären Pilzsuppe, dann aber auch gerne verabschiedet, wenn sie zum Zug müssen.

Wie sehr kann man sich als Dokumentarfilmerin an jemanden wie Handke tatsächlich annähern?

Das Verhältnis bleibt immer distanziert. Es gab Momente, wo man ganz intensive Begegnungen hatte, aber er hat nicht erwartet, dass ich über einen so langen Zeitraum mit ihm drehen musste und so oft auf Besuch kam. Für einen 90-Minuten-Film muss man sehr viel drehen, was am Ende gar nicht im Film landet. Man muss einen Langfilm so strukturieren, dass man ihn auch anschauen will. Ich finde es immer ganz furchtbar, wenn manche Filme kein Ende finden und versuchen, alles noch mit hineinzupacken. Man muss auch weglassen können.

Handke stellt die Frage, wie wir leben sollen. Beantworten kann er sie auch nicht.

Die Frage ist nicht nur unter den heutigen weltpolitischen Verhältnissen sehr aktuell, sondern auch vor dem Hintergrund der digitalen Welt. Eigentlich hätte ich heute früh meine E-Mails lesen sollen, habe ich aber nicht getan. Seit Freitag nicht. Solche Zwänge beschleunigen unser Leben. Handke widersetzt sich dem. Er ist ein sehr genauer Beobachter, er vermisst sein Umfeld. Mit ihm entdeckt man beim Lesen einen besonderen Realitätsbezug, wenn man es zulässt. Dazu gehört auch, dass er einem dann und wann ein bisschen auf die Nerven geht. Er nimmt einen sofort auseinander, wenn er etwas in einer Frage als nicht präzise genug empfindet. Das muss man dann aushalten.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-29 16:29:09
Letzte ─nderung am 2016-11-29 16:42:40



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