• vom 03.12.2016, 08:00 Uhr

Film


Liebe möglicherweise

Ein Film ganz ohne Mieselsucht




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Befindlichkeiten
verschiedener Generationen

Kreihsl seziert dabei die Befindlichkeiten verschiedener Generationen: "Ich habe bemerkt, dass viele Menschen um die 50 oft nachdenklich werden, weil sie langsam erkennen, dass ihr Leben doch endlich ist", so Kreihsl, der hier vor allem seinem Star Otto Schenk für dessen große Altersrolle Rosen streut. "Ich finde es wunderbar, wie trocken, sachlich und faktisch Otto Schenk spielen kann. Das ahnte ich bereits aus dem Theater. Ich hoffte, dass es vielleicht gelingen kann seine Sensibilität, fast hätte ich gesagt seine Zärtlichkeit, mit in den Film zu nehmen und gleichzeitig auch seinen bestimmenden und liebevoll grantelnden Ton."

In "Liebe möglicherweise" gibt es keine Gewinner, denn die Figuren wissen um die Aussichtslosigkeit der Welt. Aber sie tun alles, um nicht daran zu zerbrechen. Eine grundsätzlich optimistische Lebenssicht formt ein Drama, das fernab von einer depressiven Stimmung verortet ist. Der Film gehört deshalb keineswegs zum Kanon der bekannten österreichischen Mieselsucht. Für Kreihsl geht es dagegen vor allem um Kommunikation. "Ich wundere mich immer, dass die Leute in der U-Bahn immer nur in ihre Handys starren, als ob darin die Antwort auf ihre dringenden Lebensfragen stehen würde. Ich glaube, je mehr man da drinnen sucht, desto weniger findet das Leben um einen herum statt."

Eine Menge passiert in "Liebe möglicherweise" auch zwischen den Zeilen, bleibt unausgesprochen oder eine Geste. Für Kreihsl, der auch das Drehbuch schrieb, eine große Herausforderung, und zugleich Wesensmerkmal des Berufs: "Grundsätzlich leben meine Filme von Beobachtungen. Ich liebe es, im Kaffeehaus Leute zu beobachten. Da fällt mir sehr schnell auf, wer will was von wem, wie sind die Machtverhältnisse zwischen den Menschen, die sich unterhalten. Dazu muss man nicht einmal die Unterhaltung mithören, es genügt die Gestik, die verrät, wer Opfer ist und wer Täter."

Beobachten lernen von
Klimt und Schiele

Kreihsl bringt eine scharfe Beobachtungsgabe schon von Berufs wegen mit: Er ist gelernter Gemälderestaurator. "Ich habe zwei Jahre im Belvedere gearbeitet und hatte auch meine Hände auf Klimt und Schiele", lacht er. "Vielleicht habe ich einen besonderen Hang dazu, darauf zu achten, welche Geschichte mir ein Gemälde erzählt. Wie kommt ein Bild zustande und welche Absicht steckt dahinter? Das sind Fragen, die mich damals wie heute faszinieren."

Hinzu kommt, dass Kreihsl durch seine episodische Form auch mit Auslassungen arbeitet: "Es ist so, wie wir das Leben wahrnehmen: Das ist keine lineare Geschichte, sondern eine Geschichte, die sich aus Fragmenten zusammensetzt, voller kurzer Momentaufnahmen, die schließlich ein gesamtes Bild ergeben", so Kreihsl. "Mich interessieren Filme, die gewissermaßen eine magische Autobiographie schreiben, bei denen das kleine Kind in uns staunend, beobachtend erwachsen werden kann. Weniger interessieren mich Filme, in denen der Autor nicht ‚Ich‘ sagen kann, deren Figuren mit fremden Stimmen sprechen, Charaktere nur Rollenzitate, Handlungen nur Mechanismen, moralische Botschaften nur ideologischer Konsens sind, Filme die uns staunen machen, ohne uns zu berühren."

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Dokument erstellt am 2016-12-02 16:59:14



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