• vom 16.12.2016, 20:31 Uhr

Film


Carla Juri

Mit präzisem Blick




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Carla Juri spielt in der Filmbiografie "Paula" die Malerin Paula Modersohn-Becker.

Carla Juri in der Rolle der Malerin Paula Modersohn-Becker: leidenschaftlich, gefühlsbetont und ihrer Zeit weit voraus. - © Polyfilm

Carla Juri in der Rolle der Malerin Paula Modersohn-Becker: leidenschaftlich, gefühlsbetont und ihrer Zeit weit voraus. © Polyfilm

Wer im malerischen Städtchen Locarno im schweizerischen Tessin zur Welt kommt und zwischen der Madonna del Sasso und dem Lago Maggiore aufwächst, entwickelt einen Sinn für die Ästhetik der Natur. Und, ganz nebenbei: Man ist auch sensibilisiert für die Filmkunst, die in Locarno mit dem dort ansässigen Filmfestival Jahr für Jahr zelebriert wird. Carla Juri, 1985 in Locarno geboren, hat genau diese Vorzüge genossen und 2006 verschlug es sie fast schon naheliegenderweise zum Film. 2011 bekam sie den Schweizer Filmpreis als beste Nebendarstellerin in "180°", so richtig bekannt wurde sie aber in der deutschen Verfilmung von Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete". Jetzt ist sie im Kinofilm "Paula" als Malerin Paula Modersohn-Becker zu sehen, und auch dafür war ihre Heimat in den Tessiner Bergen nützlich. "Mit den Werken von Giovanni Segantini und Alberto Giacometti, die hier in den Bergen entstanden sind, war ich als Kind konfrontiert und sie haben mich natürlich fasziniert." In "Paula" durchlebt man mit Juri das kurze, intensive Leben der Malerin, ihre leidenschaftliche Beziehung zu dem Maler Otto Modersohn und auch die Geringschätzung, mit der man Paulas Kunst zunächst allerorten abtat. Eine scheinbar naive Kunst, die erst nach ihrem Tod richtig eingeordnet wurde, nämlich als wegweisend für die Moderne. Paula Modersohn-Becker starb 1907 kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde im Alter von 31 Jahren an einer Embolie. Ihr Mann Otto Modersohn hat ihre letzten Worte überliefert: "Wie schade!", soll sie gerufen haben.

"Eine Filmrolle ist immer ein Experiment", findet Carla Juri. "Ich kann sie nicht spielen, wenn ich keinen Zugang zur Figur finde. Manchmal sind das äußerliche Zeichen, etwa eine Geste oder der Gang einer Person. Bei Paula kam die Annäherung von innen. Es ging mir darum, sie über ihre Bilder und Briefe in ihren Emotionen zu verstehen." Weshalb Juri unbedingt auch die Expression von Modersohn-Beckers Kunst nachvollziehen wollte und für den Film Malunterricht nahm. "Das half mir dabei, Paulas Gedanken und Empfindungen nachzufühlen. Beim Malen habe ich vor allem ihre Selbstvergessenheit gespürt, das war mein Zugang zu Paula."


Wegbereiterin
Abgesehen von ihrer Kunst galt und gilt die Malerin auch als Vorreiterin in Bezug auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Das Eheleben zwischen ihr und ihrem Mann folgte keiner damals gängigen Konvention, und außerdem liebte die Künstlerin nichts mehr als die Freiheit. "Sie wollte frei sein von äußerer Kontrolle. Sie hat es verstanden, sich komplett in sich zurückzuziehen, sich selbst zu genügen", erzählt Carla Juri. "Sie war reich an Empfindungen und Gefühl. Gelitten hat sie darunter, dass sie so viele Menschen mit ihrer Kunst verschreckt hat. Trotzdem blieb Paula sich treu."

Auch Carla Juri hat ihre Prinzipien, die sie in ihrem Beruf anwendet, um sich selbst treu zu bleiben. Dazu gehört es auch, mit Mut an die Herausforderungen heranzutreten. In "Feuchtgebiete" musste sie etwa sehr viele explizite Szenen drehen. "Damit habe ich kein Problem, denn ich begreife es als Teil meines Berufes, auch solche gewagten Rollen zu erarbeiten", sagt sie. Und obwohl diese junge Schauspielerin sehr bedacht, ruhig, ja, geradezu schüchtern wirkt, kann man doch einen gewissen Ehrgeiz spüren, oder sagen wir lieber: einen Hang zu Perfektionismus. Juri ist auf der Leinwand wie auch im Gespräch stets überaus präzise.

Das dürfte ihr auch für ihre nächste Rolle helfen, denn zur Zeit dreht sie "Blade Runner 2049", das Sequel zu Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker von 1982. Regie führt Dennis Villeneuve, es könnte Carla Juris großer internationaler Durchbruch werden.

"Paula" hatte indes just beim Festival in Locarno seine Weltpremiere gefeiert. Juri war im 8000 Menschen fassenden Open-Air-Kino der Piazza Grande in Locarno mit dabei. Der perfekte Rahmen für ein Bildnis einer großen Malerin.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-16 16:41:05



Star Wars

Möge die Schlacht mit uns sein

Rey (Daisy Ridley) trainiert sich unter Anleitung von Luke Skywalker auf einer einsamen Insel in Richtung Jedi-Rittertum. - © Disney Die junge Rey (Daisy Ridley) wurde in "Star Wars Episode VII" als die neue Hoffnung der gealterten Jedi präsentiert, weil man ihr zutraut... weiter




Meine schöne innere Sonne

Plattitüde mit Pendel

Juliette Binoche sehnt sich nach der großen Liebe. - © polyfilm Isabelle (Juliette Binoche) sehnt sich nach der Liebe. Die geschiedene Pariser Künstlerin ist umgeben von Menschen... weiter




Filmkritik

Vorfahre auf Rachefeldzug

Jürgen Vogel ist Ötzi, dessen Körper 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. - © Port au Prince Pictures Der Mensch hat im Allgemeinen ein enormes Einfühlungsvermögen. Dieses machen sich die Filmemacher von "Der Mann aus dem Eis" zunutze... weiter





Werbung



Kommentar

Reden ist Silber und Schweigen ist Prost

Weihnachtsfeiern sind bekanntlich ein hochgefährliches Minenfeld. Trinkt man zum Beispiel zu viel, könnte es sein... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Möge die Schlacht mit uns sein
  2. Im Reisebüro der Fantasie
  3. Disney sagt Netflix & Co. den Kampf an
  4. Friends in Stockerau
  5. Kein "Irrer mit der Bombe"
Meistkommentiert
  1. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  2. Die Kamera als Schutz
  3. "Ohne Polen kollabiert London"
  4. Neun US-Medien sind "ausländische Agenten"
  5. am grabstein

CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Quiz



Werbung



Werbung


Werbung