• vom 19.05.2017, 08:54 Uhr

Film

Update: 19.05.2017, 12:27 Uhr

Cannes 2017

Todd Haynes: "Amazon liebt das Kino"




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Von Matthias Greuling aus Cannes

  • Bis in die Fingerspitzen prall gefüllt mit Kitsch: In Cannes hatte Haynes’ "Wonderstruck" im Wettbewerb Premiere.

Todd Haynes, Michelle Williams und Julianne Moore auf dem roten Teppich in Cannes. - © Katharina Sartena

Todd Haynes, Michelle Williams und Julianne Moore auf dem roten Teppich in Cannes. © Katharina Sartena

Todd Haynes mit seinem Filmteam.

Todd Haynes mit seinem Filmteam.© Katharina Sartena Todd Haynes mit seinem Filmteam.© Katharina Sartena

In Cannes hatte am Donnerstag Todd Haynes Wettbewerbsbeitrag "Wonderstruck" Premiere. Der schon im Vorfeld mit Lorbeeren bedachte Film über zwei Kinder, die des Hörens nicht mächtig sind, enttäuschte allerdings herb.

Das Setting splittet sich in zwei Zeitebenen, den beiden Hauptfiguren gemein ist ihre Suche nach dem verlorenen Elternteil: Die kleine Rose aus Hoboken bricht 1927 auf nach New York, um vorderhand einem großen Broadway-Star zu huldigen, der sich allerdings bald als ihre Mutter (Julianne Moore) herausstellt. 50 Jahre später, im Jahr 1977, kommt der 12-jährige Ben in New Jersey nach einem Unfall auf die Idee, seinen unbekannten Vater in New York zu suchen.

Prall gefüllt mit Kitsch

Die simple Anordnung der zunächst ständigen Parallelmontage zwischen diesen beiden Handlungssträngen inszeniert Haynes gewohnt kunstvoll und opulent, edel, ja bis in die Fingerspitzen prall gefüllt mit Kitsch, an dem man sich schnell satt gesehen hat. Vor allem Haynes’ durchwegs platten Einfälle, wie man die Welt tauber Kinder auf Bild- und Tonebene illustrieren kann, enttäuschen auf ganzer Linie: Diesem Mann hätte man weniger hanebüchene Bilder für die Herleitung von Gemütszuständen zugetraut; es bleibt am Ende ein visuell mit Banalitäten überfrachtetes Drama.

Abgesehen von der Qualität des Films hat "Wonderstruck" aber auch eine Besonderheit: Produziert wurde er mit Geld von Amazon Studios, dem Filmableger von amazon.com. Das Gemischtwarenhaus aus dem Internet tut sich seit einigen Jahren aktiv als Filmproduzent hervor und zahlte bereits die letzten Arbeiten von Größen wie Woody Allen oder Jim Jarmusch. Leute, die ohne Amazon ihre (eigentlich nicht teuren) Filme nur mehr sehr schwierig realisieren können. Doch Amazon und auch Netflix haben ihre Chance erkannt und besetzen den Markt des Independent-Kinos inzwischen sehr prominent, während die Studios davon mehr und mehr die Finger lassen. Aber kommerziell aufgestellte Internet-Konzerne machen nichts aus edlen Motiven, sondern versprechen sich Profit. Was zu der These führt, dass man offenbar auch mit Filmkunst Geld verdienen kann; ein Punkt, der seit Jahr und Tag abgestritten wird. Aber wieso sonst sollten Netflix und Co sich derart im Arthaus-Filmbereich engagieren?

Heftige Debatte

Haynes hat jedenfalls auch eine Meinung zu dem Thema: "Die Filmabteilung von Amazon ist voller Cineasten, die Filme lieben und ernsthaft versuchen, die Visionen der Filmkünstler umzusetzen, und das vor dem Hintergrund eines sich drastisch verändernden Marktes". Sein Resümee: "Amazon liebt das Kino".

Bereits bei der Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes wurde über diese neuen "Riesen" im Filmbusiness heftig debattiert. Die Angst, dass Filme künftig nicht mehr zuerst im Kino und dann online zu sehen sein werden, sondern zugleich auf beiden Vertriebskanälen oder gar nur mehr online, geht vor allem bei Kinobetreibern um. "Von Amazon wissen wir, dass sie ihre Produktionen auf jeden Fall zuerst ins Kino bringen wollen", sagt Haynes. "Sie sind da genauso enthusiastisch wie wir Filmemacher". Die Kinobetreiber hoffen, dass Haynes recht behält.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 08:54:20
Letzte ─nderung am 2017-05-19 12:27:39



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