• vom 30.08.2017, 20:39 Uhr

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Update: 31.08.2017, 08:29 Uhr

Venedig

Sie haben Matt Damon geschrumpft




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Von Matthias Greuling

  • Mit "Downsizing" wurden die 74. Filmfestspiele eröffnet . Sein Star ist gerade einmal 12,5 Zentimeter groß.

Matt Damon - © Katharina Sartena

Matt Damon © Katharina Sartena

"Es ist der vielleicht optimistischste Filme von Alexander Payne, und das, obwohl es darin um nichts weniger als die Apokalypse geht", sagt Matt Damon. "Wenn das mal nicht für diesen Regisseur spricht".

Mit "Downsizing", einer komischen Dystopie, eröffneten am Mittwoch die 74. Filmfestspiele am Lido von Venedig, und Matt Damon gab Auskunft über diese außergewöhnliche Rolle: Ein norwegischer Wissenschaftler erfindet eine Technik, mit der Menschen auf rund 12,5 Zentimeter geschrumpft werden können. Das spart viel Platz und löst das Problem mit der Überbevölkerung, genauso wie jenes der Müllberge (Mini-Menschen machen weniger Dreck), der Trinkwasserversorgung (sie trinken weniger) und der Geldnöte (Luxusvillen im Puppenhausformat sind selbstredend günstiger als weitläufige Anwesen in Realgröße).

Findige Unternehmer krallen sich diese revolutionäre Technik und schaffen mit dem Wohnpark "Leisureland" eine Art Rentner-Refugium mit Luxusgarantie: Eine opulente Mini-Parkanlage, ein Minimundus als Kopie der realen Welt, in der es allerdings nur Reiche gibt, denn wer als großer Menschen wenig Geld hat, ist als kleiner plötzlich Millionär. Sogar kubanische Zigarren gibt es hier, für einen schlappen Dollar. Die Mini-Megacity ist mit Netzen überspannt, denn Insekten wären für die kleinen Menschen tödlich. Viele solcher Details werten "Downsizing" in dieser Phase gewaltig auf.

Paul Safranek (Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig), die im realen Leben mit schlechten Karriereaussichten und Durchschnittslohn von einer Villa höchstens träumen können, gefällt die Idee vom sorgenfreien Leben in der Miniatur. Freunde, die selbst geschrumpft wurden, sagen, das sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, und das sagen sie nicht nur, weil es ihnen der Hersteller der Minimenschen-Technik empfohlen hat.

All das hat natürlich einen Haken, und als Paul sich schließlich schrumpfen lässt, ist es zu spät, irreversibel. Seine Frau hat einen Rückzieher gemacht, da lag er schon in der Schrumpfkammer, die ein bisschen aussieht wie eine überdimensionierte Mikrowelle. Aus der Traum, es folgt die Trennung zwischen der Großen und dem nun Kleinen, und bis hierher hat Alexander Paynes "Downsizing" sein wirklich interessantes Sujet zu einem Gutteil mit faszinierenden Einsichten und bester Science-Fiction gefüllt. Allein: Danach ändert die immer abstrusere Geschichte mehrfach ihre Richtung, bei der nur eines konsistent bleibt: Der Protagonist, wie immer mit bester Durchschnittlichkeit gespielt von Damon, versagt bei allen Entscheidungen in seinem Leben.

Dass zur Mitte des Films Christoph Waltz als Lebemann Dusan mit serbischem Akzent und Udo Kier im Schlepptau auftaucht, um Paul in einen Dauerpartymodus zu stürzen, macht die Sache nicht besser. Und als Paul danach auch noch seine wohltätige Ader an der einbeinigen, arg geschundenen Vietnamesin Gong Jiang (Hong Chau, sie ist echt oscarverdächtig!) entdeckt, steuert diese Dystopie endgültig in das Fahrwasser früherer Payne-Dramen, die irgendwo zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelten und in ihrem Verlauf immer diesen völlig deplatzierten spirituellen Charakter bekamen. Auch "Downsizing" - so großartig dieser Film beginnt - endet bald im richtungslosen Zustand, an dessen Ende sogar die ganze Welt am Abgrund steht, oder auch nicht, je nachdem, woran man glaubt. Hätte dieser Film seine Linie aus der ersten Hälfte nicht verlassen, in der der Konflikt zwischen den neureichen Winzlingen und den groß gebliebenen Steuerzahlern zugespitzt worden wäre, es hätte ein Meisterstück sein können, das als Satire mindestens ebenso gut funktioniert hätte wie dereinst die "Truman Show": Beide Stoffe zeigen, wie wenig sich abgeschlossene, durchgeplante Systeme als Lebensraum eignen; dieses Thema hätte "Downsizing" vertiefen können, anstatt sich gegen Ende in einer Pilgerreise zu den Ursprüngen der Zwergenmenschen zu verlieren. Natürlich gibt es auch eine Läuterung in diesem Film, und der kleine Paul zeigt - man verzeihe die Formulierung - so richtig Größe. Das Festival von Venedig ist eröffnet, es kann eigentlich nur besser werden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-30 20:40:31
Letzte ─nderung am 2017-08-31 08:29:03



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