• vom 01.09.2017, 07:32 Uhr

Film

Update: 01.09.2017, 22:41 Uhr

Filmfestival Venedig

"Wir haben es völlig verhaut"




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling aus Venedig

  • Regisseur Paul Schrader zeigte in Venedig seinen Film "First Reformed" mit Ethan Hawke und Amanda Seyfried.

Paul Schrader sieht schwarz: Er glaubt nicht, dass wir Menschen als Spezies dieses Jahrhundert überleben werden. - © Katharina Sartena

Paul Schrader sieht schwarz: Er glaubt nicht, dass wir Menschen als Spezies dieses Jahrhundert überleben werden. © Katharina Sartena

Ethan Hawke und Amanda Seyfried am Lido.

Ethan Hawke und Amanda Seyfried am Lido.© Katharina Sartena Ethan Hawke und Amanda Seyfried am Lido.© Katharina Sartena

"Meine Urgroßmutter hatte ein Gefühl: Sie spürte, dass ich einmal Priester werden sollte. Sie wollte, dass ich ganz genau darauf achte, wann die Berufung dazu vernehmbar wird. Gottseidank kam die Berufung nie, und ich wandte mich der Kunst zu".

Und doch: Besagte Kunst führte Schauspieler Ethan Hawke nun dazu, erstmals einen Priester zu spielen, und dann noch dazu in einer Regiearbeit von Kult-Filmemacher Paul Schrader, dem wir (nicht nur) das Script zu "Taxi Driver" verdanken. Der Film heißt "First Reformed", und es geht darin um einen Priester, der mit sich selbst und der Welt hadert. "So wenige Parallelen zwischen diesem Film und ‚Taxi Driver‘ gibt es gar nicht. Im Gegenteil: Da tun sich wirklich viele Vergleiche auf", findet Schrader. "Aber ganz ehrlich: Ich habe diesen Film nicht mit ‚Taxi Driver‘ im Hinterkopf geschrieben. Vielleicht kommen aus mir eben nur immer wieder dieselben ähnlichen Geschichten heraus", lacht Schrader.

Information

´

Debattenstoff zum Glauben 

Beim Filmfestival von Venedig, wo "First Reformed" seine eifrig beklatschte Premiere feierte, ist das Thema Religion jedenfalls gut aufgehoben. Hier laufen traditionell Filme mit religiösem Bezug, nicht erst seit Ulrich Seidls "Jesus, du weißt" oder "Paradies: Glaube".

Auch heuer ist das Programm dicht mit Debattenstoff zum Glauben gefüllt. "First Reformed" bildet da erst den Auftakt. Es geht um einen Priester, der mit sich selbst ins Ungleichgewicht gerät, weil er nicht nur seine aufkeimende Krebserkrankung von sich schiebt, sondern auch, weil ihm der Glaube an sich abhanden zu kommen scheint: Mit einem Selbstmord in seiner Gemeinde konfrontiert, verliert er zusehends die Kontrolle über sich und seine Begierden, über Alkoholmissbrauch und über die erotische Spannung, die sich zur Witwe des Toten (Amanda Seyfried) auftut.

Der Auslöser für den zu bewältigenden Selbstmord liegt in einer universellen Frage: Wie lange wird es die Welt, die wir kennen, noch geben? Der Tote war Umweltaktivist und empfand es als verantwortungslos, noch Kinder in die Welt zu setzen, wo doch das Ende der Zivilisation quasi bereits vor der Tür steht.


Einem solchen Fatalismus kann Paul Schrader viel abgewinnen: "Ich wollte das Thema auf die Spitze treiben, deshalb machen wir ja Filme", sagt er. "Aber seien wir ehrlich: Bei all der Umweltveränderung die vor sich geht: Ich glaube nicht, dass wir Menschen als Spezies dieses Jahrhundert überleben werden", so der 71-Jährige. "Die Welt wird das alles schaffen und sich erholen, aber wir nicht". Auch darum dreht sich "First Reformed", doch Schrader wird in seinen Aussagen konkreter, als es der Film sein will: "Mir geht es gut, ich fahre in meinem Luxus-Auto. Aber meine Kinder sind echt im Arsch". Nachsatz: "Niemand in der kurzen Geschichte der Menschheit hatte mehr Gelegenheiten, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Aber wir haben es einfach völlig verhaut".


Video auf YouTube





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-01 07:33:02
Letzte ─nderung am 2017-09-01 22:41:12



Filmkritik

Am Ende zählt die Freundschaft

Akkurate Darstellung: John McEnroe (Shia LaBeouf) und Björn Borg (Sverrir Gudnason) spielen das Match ihres Lebens. - © Filmladen Tennis als Therapie für die inneren Dämonen, das kann - wie bei vielen anderen Sportarten auch - als Ventil gut funktionieren... weiter




Happy End

Die bourgeoise Ego-Show

Was für eine Überraschung zum Lunch: Familie Laurent erblickt einige ungebetene Gäste. - © Filmladen Zum Auftakt ein hochformatiges Handyvideo von einem Hamster, der mit Tabletten vergiftet wird. Dann die Kranperspektive auf eine Baustelle in voller... weiter




Blade Runner 2049

Nur zweimal gegähnt

Konfliktgeladene Unterhaltung in der Retro-Disco: Ryan Gosling (l.) und Harrison Ford lauschen hier (Spoiler!) sogar Elvis Presley. - © Sony Irgendwann in diesem Film beginnt das nervöse Zucken im linken Arm. Man will ihn heben, um endlich auf die Uhr zu sehen, wie lange der stoisch ruhige... weiter





Werbung



Kommentar

Lang lebe das Bim-Buch

"Jetzt neu! Das BUCH! Unbegrenzte Akkulaufzeit! Unterstützt alle Formate! Sturzresistent! Bleistiftkompatibel! Angenehmer Papiergeruch... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zerbricht der Westen?
  2. Puls-4-Reporter bei FPÖ-Wahlfeier geschlagen
  3. Abgesang an das US-Mantra
  4. Freie Sicht auf den Abgrund
  5. Mit Ignoranz für das Feine
Meistkommentiert
  1. Das Hosentürl zum Ruhm
  2. Ein Ohrenstüber für die Radiohörer
  3. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  4. Ein Rabauke zeigt sich reuig
  5. "Wo das große Geld ist, sind Frauen rar"

Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Während einer Protestveranstaltung gegen Polizeigewalt vor dem Police Department von Baton Rouge, Louisiana, USA, am 9. Juli 2016, stellt sich die Aktivistin Ieshia Evans den vorrückenden Polizisten entgegen und streckt ihre Hände aus, bereit, sich verhaften zu lassen. Georgeund Amal Clooney gehörte die Aufmerksamkeit am Wochenende. Die gemeinsamenZwillinge blieben jedoch daheim bei der Nanny.

Matt Damon mit seiner Frau Luciana Barroso. "Downsizing", in dem Damon die Hauptrolle spielt, hat die 74. Festspiele von Venedig eröffnet. Der US-amerikanische Rapper Kendrick Lamar wurde sechsfach ausgezeichnet. Der wichtigste Preis: Sein Hit  "Humble" wurde zum Video des Jahres gewählt.

Quiz



Werbung



Werbung


Werbung