• vom 01.09.2017, 15:36 Uhr

Film


Filmbiennale Venedig

Kino der Momente




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Von Matthias Greuling

  • Beim Filmfestival von Venedig sind in den ersten Tagen bereits vielversprechende Filme gelaufen.

"The Insult" verhandelt Konflikte im Libanon anhand eines lächerlichen Streits. - © La Biennale di Venezia

"The Insult" verhandelt Konflikte im Libanon anhand eines lächerlichen Streits. © La Biennale di Venezia

Venedig. Es gibt im Kino meist diesen einen Moment, der darüber entscheidet, ob ein Film seine Zuschauer halten kann, oder ob er sie verliert. Es ist dieser "Hook", wie das im amerikanischen Marketing-Sprech heißt, der den Kunden zur Kaufentscheidung bringen soll, und der muss eben sexy sein, oder spannend, oder gewinnbringend, oder einfach nur lässig. Was er sein muss, darüber entscheidet die jeweilige Zielgruppe.

Wir sprechen hier aber vom Kino, vom Kunstkino im Speziellen, und das Filmfestival von Venedig ist sich in seiner 74. Ausgabe sehr sicher, dass es einen großen Coup gelandet hat mit der Auswahl von Festivalchef Alberto Barbera, der der Filmschau am Lido ein neues Selbstbewusstsein eingebläut zu haben scheint: Neben der glanzvollen, neuen Platzgestaltung rund um das Festivalzentrum sind es vor allem die Filme, die Barbera heuer zu Recht als Aushängeschilder benutzen darf.


Die Auswahl am Lido ist künstlerisch und kommerziell so stark wie lange nicht; zwar sind die Kinos mit Pressevertretern nicht mehr vollzukriegen, aber das liegt an der maroden Situation der Medien. Die zumindest beachtenswerten Inhalte sind jedenfalls zuhauf vorhanden.

Klein gemacht
Zum Beispiel in Form von "Down sizing", jener mainstreamtauglichen Dystopie von Alexander Payne, die das Festival eröffnete: Eine neue Technologie verspricht die Schrumpfung jedes Menschen auf 12,5 Zentimeter - das bringt Ersparnisse betreffend Müll, Wasser, Bausubstanz. Und alle geschrumpften Menschen sind plötzlich reich, denn ein luxuriöses Puppenhaus ist erschwinglicher als jeder Plattenbau in Realgröße. Alexander Payne inszeniert Matt Damon in der Rolle eines Geschrumpften, der bald herausfindet, dass diese Entscheidung, sich klein zu machen, nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein kann. Payne serviert ein launiges Gedankenexperiment, verliert aber ab der Hälfte völlig den Fokus auf die Geschichte und driftet ins Esoterische ab. Dennoch: Der Film enthält viele Miniaturen, die ihm Erfolg in der anstehenden Awards-
Season bringen könnte.

Das Festival von Venedig ficht auch Schlachten aus, die sich mit Religion und Gesellschaft befassen. Weshalb Barbera hier mit "First Reformed" und "The Insult" auf ganz besondere Weise Fragen des Glaubens und des Zusammenlebens stellen will. In "First Reformed" hantelt sich ein Whiskey saufender Priester durch seinen Alltag an einer Provinzkirche in den USA, die bald ein gewichtiges Jubiläum feiern wird. Weil dieser Reverend Toller, gespielt von Ethan Hawke, nicht nur einen Selbstmord in seiner Gemeinde verarbeiten muss, der ihm auch die schwangere Frau des Toten (Amanda Seyfried) in die Arme treibt, sondern auch eine aufkeimende Krebserkrankung schultern soll, greift er zu radikalen Lösungen, allein: Er kann sie nicht wie geplant umsetzen, und die Krux aus Glaube, Aufopferung, Keuschheit und gebotener Erleuchtung gelangt an einen Punkt der Undurchführbarkeit. Regisseur Paul Schrader legt hier in streng kadrierten 4:3-Bildern die Ausweglosigkeit zwischen Glaube und Gebot dar, es ist ein durch großartige Darsteller getragener Abgesang auf den Glauben und ein großer Film.

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Dokument erstellt am 2017-09-01 15:42:05



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