• vom 05.09.2017, 07:00 Uhr

Film


Filmfestival Venedig

Die Lücken im Kopf




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Paolo Virzi zeigt in Venedig mit "The Leisure Seeker" sein US-Filmdebüt mit Helen Mirren und Donald Sutherland als altes Ehepaar auf Freiheitstrip.

Paolo Virzi nimmt sich in seinem neuen Film "The Leisure Seeker" dem Thema Altern an. - © Katharina Sartena

Paolo Virzi nimmt sich in seinem neuen Film "The Leisure Seeker" dem Thema Altern an. © Katharina Sartena

"Das Alter kann zur Belastung werden", sagt Paolo Virzi. Der italienische Regisseur ("Die süße Gier", "Die Überglücklichen") hat sich für sein englischsprachiges Filmdebüt genau diese Ausgangslage zum Thema gemacht, um sie zu überwinden: Ella (Helen Mirren) und ihr Mann John (Donald Sutherland) büxen sehr zum Missfallen ihrer Kinder von heute auf Morgen mit ihrem Uralt-Camper, der auf den Namen "The Leisure Seeker" getauft wurde, aus, um sich eine letzte große Reise in den Süden der USA zu gönnen. Das Problem dabei: John ist krank, er leidet an Alzheimer, und seine Vergesslichkeit nimmt dramatisch zu. Als ehemaliger Literaturprofessor ist er zwar mit den Erinnerungen an seine Lehrzeit bestens vertraut, und auch die großen Poeten der US-Literatur hat er geläufig, aber schon die einfachsten Aufgaben im Alltag bewältigt er nicht mehr. Während die erwachsenen Kinder der beiden daheim in großer Sorge um die Eltern sind, lassen sich John und Ella nicht beirren und setzen ihre Reise fort - mit allen Gefahren, die das mit sich bringt.

"Beide sind stur und wollen durchsetzen, was sie sich vorgenommen haben", sagt Virzi im Gespräch. "Sie sind auch untereinander verschieden, sonst hätten sie es nicht so lange miteinander ausgehalten. Während er als alter Grantler seine Literatur hoch hält, würde sie vermutlich lieber ins Kino gehen, als ein Buch zu lesen".

Der Film hat am Lido für unterschiedliche Reaktionen gesorgt, auch, und vor allem wegen seines kontroversiellen Endes. "Ich glaube, die Leute hier verstehen das Ende, das wir an dieser Stelle aber nicht verraten wollen", sagt Virzi. "Jedoch erwarte ich mir aus den USA durchaus energische Reaktionen, wenn der Film erst einmal dort zu sehen sein wird".

Die Alzheimer-Krankheit ist für Virzi jedenfalls für das Schreiben einer Geschichte ein reicher Fundus, denn: "Man kann nie vorhersehen, welche Wendung diese Krankheit nimmt, und was die Betroffenen als nächstes tun. Das ist beim Drehbuchschreiben ein Aspekt, der einem dramatische Wendungen erlaubt". Virzi schrieb die Vorlage auf Italienisch, ein Co-Autor übersetzte den Text für die Schauspieler auf Englisch.

Dass Mirren und Sutherland bei dem Film mitmachen würden, damit hat Virzi ursprünglich gar nicht gerechnet. "Ich habe ihnen das Drehbuch geschickt und eigentlich sofort gedacht, dass die das nie machen werden. Zu meiner großen Überraschung haben sie sofort zugesagt!". Dann gab es für den Regisseur kein zurück mehr. "Also habe ich beschlossen, diesen amerikanischen Wahnsinn zu versuchen", lacht Virzi.

Gedreht wurde im Sommer 2016, und im Film sind auch die Einflüsse des damaligen Präsidentschaftswahlkampfes zu spüren, etwa, wenn ein wahlwerbender Bus durch die Straßen fährt, aus dessen Lautsprecher eine Rede von Donald Trump zu hören ist. "Ich will das aber nicht als Statement verstanden wissen", sagt Virzi. "In meinen Filmen stelle ich mir immer die Fragen: Wer macht was, wo und wann? Im Fall von ‚The Leisure Seeker‘ gab es also dieses alte Ehepaar, das eine Reise unternahm, und zwar im Sommer 2016. Also konnte ich das, was ich zu dieser Zeit vorfand, nicht aus dem Film ausklammern. Das ist Teil meines Selbstverständnisses".





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-04 20:50:31
Letzte nderung am 2017-09-04 20:56:29



Filmkritik

Vorfahre auf Rachefeldzug

Jürgen Vogel ist Ötzi, dessen Körper 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. - © Port au Prince Pictures Der Mensch hat im Allgemeinen ein enormes Einfühlungsvermögen. Dieses machen sich die Filmemacher von "Der Mann aus dem Eis" zunutze... weiter




Filmkritik

Sex ohne Grenzen

Heimlicher Sex und Prostitution sind im Iran trotz strikter Verbote an der Tagesordnung. - © Filmladen Weil der Mann von Pari drogensüchtig ist, im Gefängnis sitzt und keinen Unterhalt für den gemeinsamen fünfjährigen Sohn zahlt, will Pari die Scheidung... weiter




Filmkritik

Die Rolle ihres Lebens

Diane Kruger verliert in Fatih Akins "Aus dem Nichts" ihren Ehemann und ihren Sohn. - © Warner Bros Wie aus dem Nichts steht Katja (Diane Kruger) vor der Ruine ihres Lebens: Ihr Ehemann Nuri (Numan Acar) und ihr kleiner Sohn Rocco (Rafael Santana)... weiter





Werbung



Kommentar

Der Prophet hat gesprochen

Kaum naht das Jahresende (ja, gut, Weihnachten kommt noch ein paar Tage zuvor), geht ein Name durch die mehr oder minder seriösen Teile der Medien... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Nicht mit uns"
  2. Kein "Irrer mit der Bombe"
  3. 152 rasante Minuten mit Laserschwert
  4. Manuel Legris verlässt Staatsballett
  5. "Das ist Wahnsinn"
Meistkommentiert
  1. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  2. Die Kamera als Schutz
  3. "Ohne Polen kollabiert London"
  4. Nothung, neidliches Brotmesser
  5. Unter Druck

CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Quiz



Werbung



Werbung


Werbung