• vom 05.09.2017, 16:04 Uhr

Film


Filmfestspiele Venedig

Das Kino wird flinker




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Von Matthias Greuling

  • Halbzeit in Venedig: Das Filmfestival zeigt nicht immer brillante, aber zumindest brisante Arbeiten.

Im Clinch mit der Polizei: Frances McDormand in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". - © Fox

Im Clinch mit der Polizei: Frances McDormand in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". © Fox

Schön langsam müsste man ein Filmgenre nach den Coen-Brüdern benennen, so sehr werden diese beiden exaltierten Filmbrüder immer wieder zitiert, imitiert, kopiert. Das Filmfestival von Venedig zeigte bisher gleich zwei Filme, die Coen-Atem verbreiten: George Clooney hat mit "Suburbicon" ein unverfilmtes Drehbuch der Coens aus den 80er Jahren inszeniert, es an die aktuelle Rassismus-Debatte angeknüpft, aber kurzerhand ins Amerika der 50er Jahre verlegt.

In "Suburbicon", einer Vorstadt-Blutorgie mit Matt Damon und Julianne Moore, morden sich zwei Weiße panisch durch eine haarsträubende Versicherungsbetrugsgeschichte, ein Bub muss all das mit ansehen; auch, dass die Schuld am Ende den schwarzen Nachbarn zugeschrieben wird. Clooneys Kommentar zur aktuellen politischen Lage in seinem Land ist bitterböse ausgefallen, aber das muss so sein: "Denn über Amerika gibt es derzeit viele dunkle Wolken", sagte er am Lido.


Spirale aus Hass
Auch "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" von Martin McDonagh hat diesen Anflug von Coen-Humor und -Brutalität, nicht nur, weil darin "Fargo"-Heroin Frances McDormand zu wahrer Höchstform auflaufen kann, die ihr vermutlich eine Oscarnominierung einbringen wird.

McDonagh folgt der von McDormand gespielten verzweifelten Frau, die nach dem brutalen Mord an ihrer Tochter die Nachforschungen nach dem Mörder selbst in die Hand nimmt, weil ihr die Polizeiarbeit zu lasch ist. Sie mietet sich drei große Plakatwände in ihrer Stadt, um darauf ihre brennenden Fragen nach dem Täter öffentlich zu dokumentieren. Der Sheriff (Woody Harrelson) und sein rassistisch veranlagter Officer (Sam Rockwell) reagieren prompt, eine Spirale aus Brutalität und Hass dreht sich immer schneller, ohne das (Coen-typische) schwarzhumorige Element zu verlieren.

"Suburbicon" und "Three Billboards" sind beide in ihrer Machart zugänglich und spielen mit Versatzstücken Coen’scher Dramaturgie, doch ob die gefällig gemachten Filme auch Preisträger in Venedig sein können, darf bezweifelt werden. Sicher ist, dass man das Festival hier gerne für genau diese Art Filme benutzt, um ihnen einen internationalen Start in die amerikanische Awards-Season zu sichern. Viele dieser später Oscar-prämierten Werke sind ebenso unglaublich wie schillernd, also passen sie gut hierher, in die schillernde Lagunenstadt.

Spröder, dafür in vielerlei Hinsicht substanzieller geht es in "Ex libris" des US-Dokumentarfilmers Frederick Wiseman zu. Der 200 Minuten lange Film taucht tief ein in die Struktur einer Institution: Die New Yorker Public Library versteht sich längst nicht mehr als Lagerstätte für Bücher, sondern als Servicebetrieb für die Ausbildung interessierter Menschen: Wiseman zeigt, wie eine Bibliothek und ihr Vermittlungsauftrag heute funktionieren und wie vielfältig die Aufgaben sind: Hier müssen Mitarbeiter nicht nur literarisch versiert sein, sondern auch die Frage beantworten, ob es Einhörner gibt.

Gewichtige Generationenfrage
Ein gewichtiges Thema im Wettbewerb sind diesmal auch Generationenfragen. Der Franzose Robert Guédiguian verhandelt in "La villa" die Zukunft einer kleinen Restauration in einer Bucht bei Marseille. Nach einem Schlaganfall lässt der einstige Wirt teilnahmslos über sich ergehen, wie seine angereisten Kinder und Verwandten über diesen einst von Touristen geliebten Ort Kassasturz machen: Es geht um Alt gegen Jung, um überlebte Strukturen und unwiederbringbare Erinnerungen. Zugleich öffnet Guédiguian in seiner ganz unpariserischen Art einen weiteren Kosmos, als drei gestrandete Flüchtlingskinder entdeckt werden, was die Perspektiven auf die Probleme der Protagonisten angenehm verrückt.

Auch der Italiener Paolo Virzi befasst sich in seinem englischsprachigen Debüt "The Leisure Seeker" mit einer Generationenfrage: Ein altes Ehepaar (Helen Mirren, Donald Sutherland) nimmt trotz Demenzerkrankung des Mannes Reißaus von den erwachsenen Kindern und dem betreuten Wohnen: Die beiden machen sich im Camper auf in den Süden der USA. Drollig gespielt, konventionell inszeniert, aber aktuell: Virzi bringt auch eine Prise US-Wahlkampf und Trumpismus in den Plot, als wolle er sagen: Das Kino ist heute flinker und aktueller denn je und gar nicht mehr so reaktionsträge, wie es einmal war. Damit hat er recht, angesichts der Unzahl von Filmen, die hier zumindest thematisch auf der Höhe der Zeit sind.




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