• vom 14.09.2017, 16:59 Uhr

Film

Update: 14.09.2017, 17:26 Uhr

Die dritte Option

"Man ist ein bisschen sein eigenes Kind"




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Von Matthias Greuling

  • Die Kino-Doku "Die dritte Option" thematisiert Pränataldiagnostik und den späten Abbruch von Schwangerschaften.

Regisseur Thomas Fürhapter hinterfragt die Optimierungslogik der Pränataldiagnostik. - © Katharina Sartena

Regisseur Thomas Fürhapter hinterfragt die Optimierungslogik der Pränataldiagnostik. © Katharina Sartena

Dank der Pränataldiagnostik und bildgebender Verfahren werden Schwangerschaften heute umfassend überwacht. Das führt allerdings auch zu schweren moralischen Konflikten, wie die Doku "Die dritte Option" von Regisseur Thomas Fürhapter (ab Freitag im Kino) zeigt: Die Entscheidung, selbst einen späten Schwangerschaftsabbruch im sechsten Monat durchzuführen, falls eine schwere Behinderung beim Ungeborenen entdeckt wird, ist in Europa weitgehend gesetzlich erlaubt. Aber was macht es mit der Psyche der Eltern, die sich so für oder gegen ein eventuell behindertes Kind entscheiden müssen? Fragen, die der Regisseur im Film und im Interview zu beantworten versucht.

"Wiener Zeitung": Herr Fürhapter, was hat Sie veranlasst, im Rahmen eines Film-Essays über das Thema Spätabbruch nachzudenken?

Thomas Fürhapter: Wann immer dieses Thema aufkommt, spricht man davon, dass es eine ganz individuelle Frage sei, und die Antwort wird gleich mitgeliefert: Das muss jede Frau für sich entscheiden. Der ganze Komplex wird auf eine persönliche, moralische Entscheidung heruntergebrochen. Warum das so ist, muss man erst definieren. Wenn die Frau im sechsten Monat schwanger ist und beim Kind wird nichts gefunden, dann hat sie keine Entscheidungsmöglichkeit, das bedeutet, man legt verschiedene Maßstäbe an und muss sich fragen, was ist die Norm, was ist eine Behinderung und wo fängt diese an? Wie ist das historisch und wie politisch? Da gibt es große Zusammenhänge. Aber anstatt diese zu sehen, findet eine Individualisierung eines gesellschaftlichen Problems statt. Ich wollte das mit meinem Film ein wenig aufbrechen.

Das Medizinische in Ihrem Film sieht sehr technisch, sauber und maschinell aus, der Betrieb der Tötung wird entmenschlicht, weil es letztlich Maschinen sind, die die Arbeit tun.

Die Pränataldiagnostik bringt den Einsatz vieler Maschinen und Geräte mit sich, und das ganze Problem existiert ja nur deshalb, weil es diese Techniken gibt. Daher war mir wichtig, sie auch zu zeigen. Bei allen Optimierungsprozessen spielt die Technik heute eine wichtige Rolle.

Welchen Blick auf die Pränataldiagnostik haben Sie nach diesem Film? Sind Sie dafür oder dagegen, oder gibt es eine Grauzone?

Ich glaube, es ist eine Grauzone. Ich wollte aber gar nicht das Für und Wider debattieren, sondern wollte zeigen, wie so ein Spätabbruch einer Schwangerschaft eigentlich funktioniert, und zwar nicht technisch, sondern ideologisch, diskursiv. Welche Argumente werden gebracht, warum funktioniert das relativ reibungslos, wieso brechen über 90 Prozent der Frauen die Schwangerschaft ab, wenn sie eine solche Diagnose erhalten?

Und wie ist Ihre Antwort?

Ich habe herausgefunden, dass hier die Macht der Norm eine große Rolle spielt. Die Sehnsucht, normal sein zu wollen. Das eigene Kind ist man ja auch ein bisschen selber. Und dann spielen die Nachteile eine Rolle, wenn man ein Kind auf die Welt bringt, das nicht der Norm entspricht. Soziale Stigmatisierungen, Blicke, finanzielle Belastungen, Schulplätze, Arbeitsplätze.

Gibt es in der EU Unterschiede zwischen den gesetzlich erlaubten Bestimmungen?

Früher stand im deutschen Gesetz, dass das Kind abgetrieben werden darf, wenn es eine Behinderung hat, doch das wurde aufgrund von Protesten der Behindertenverbände gestrichen. Heute steht da, dass nur abgetrieben werden darf, wenn eine Gesundheitsgefahr für die Mutter besteht. Diese Auslegung der Gesundheitsgefahr geht so weit, dass die Mutter glaubhaft versichern kann, dass ein behindertes Kind ihre psychische Gesundheit gefährden würde. Das wird immer wieder als Etikettenschwindel kritisiert.

Eine moralische Beruhigung für den Gesetzgeber?

Und notwendig wegen der Proteste der Behindertenverbände. Im Grunde wurde ein Satz umgeschrieben, aber in der Praxis hat das nichts verändert. Die österreichische Gesetzformulierung ist hingegen behindertenfeindlich, aber sie redet nicht um den heißen Brei herum.

Im Film spricht es einer der Ärzte direkt an: Der Spätabbruch sei der einzige Fall, in dem die Ärzte töten dürften. Hier spricht jemand aus, was ohnehin jeder denkt: Dass es eine Tötung ist, und zwar vorsätzlich. Was ist es für Sie?

Das kann ich nicht beantworten, das ist die große Frage. Egal, wie man das definiert, einen Menschen darf man nicht töten. Da gibt es dann wieder Definitionen: Vor dem dritten Monat ist es "nur" ein Fötus, doch das macht die Grundfrage nicht einfacher.

Wer ist die moralische Instanz, die einem sagt, dass das richtig ist oder falsch?

Ich glaube, das hat viel mit dieser Technik zu tun. Das funktioniert nur, wenn der Ungeborene nach einer Pränataldiagnostik abgewertet wird, weil er eine Auffälligkeit hat. Die Normabweichung wird negativ bewertet.

Es fällt im Film auch der Satz, dass es darauf ankäme, den eigenen Nachwuchs zu "optimieren".

Genau. Und ein Abbruch ist Teil einer Optimierungslogik; wenn festgestellt wird, das Kind wird nicht normal sein können, dann ist es besser, es kommt gar nicht erst zur Welt, und das kann natürlich nur vor der Geburt gemacht werden, weil es eben diese Grauzone gibt. Die Frage, die man stellen müsste: Warum ist gerade die Geburt so eine Grenze? Sie ist ja eigentlich nur der Wechsel des Aufenthaltsortes des Kindes. Das Kind ist ja nicht vorher weg und dann plötzlich da. Die Grenze der Geburt kommt daher, dass man vor der Erfindung der bildgebenden Verfahren das Kind nie gesehen hat. Erst als es zur Welt kam, sah man es zum ersten Mal. Der Mensch entsteht im Bild. Daraus folgend kann man nun sagen, dass die Pränataldiagnostik die Geburt weit vorverlegt hat, weil man eben jetzt die Möglichkeit hat, sein Kind schon im Mutterleib zu sehen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 17:03:05
Letzte nderung am 2017-09-14 17:26:48



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