• vom 29.09.2017, 15:43 Uhr

Film


Interview

"Wir haben kein Recht auf Tragödie"




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Sie können sich diese Interpretation gerne aussuchen, denn ich sage immer: Jeder Zuschauer hat mit jeder Interpretation recht. Was ich mir gedacht habe, ist relativ egal. Jeder Film existiert so oft, wie es Zuschauer gibt, weil jeder sieht einen anderen Film. Jeder liest auch ein anderes Buch. Das ist auch gut so. Deshalb wehre ich mich nie gegen Interpretationen meiner Filme, ich werde nur selbst niemals welche abgeben.

Ist das das Lebendige an der Kunst? Der Rezipient?

Die Kunst findet ja für den Rezipienten statt, sonst wäre sie Masturbation. Film muss immer ein Dialog sein, sonst findet er nicht statt. Und zwar ein Dialog zwischen gleichwertigen Partnern, und nicht zwischen einem, der sagt, und einem, der es schluckt. Das wäre dann ein Propagandafilm. Mit Film kann man Leute auch sehr dumm machen, wie die Geschichte gezeigt hat. Nicht nur im NS-Film, sondern auch in Hollywood. Wer sich amerikanische Kriegsfilme ansieht, sieht permanente Propaganda. Dieses "America First" gehört zum Selbstverständnis dieser Nation. Das hat ja nicht der Herr Trump erfunden.

Inwieweit beschreibt "Happy End" die Flüchtlingskrise?

Ich hatte mich geärgert, als zum Drehstart von "Happy End" alle geschrieben haben, Haneke dreht einen Film über Migranten. Ich könnte das gar nicht, weil ich von Migranten nichts weiß. Ich habe nicht mit ihnen gelebt, ich habe mich nicht einmal mit ihnen unterhalten. Sie sind nur Mittel zum Zweck für diese rotzige Familiengeschichte. Die Migranten sind Objekt, kommen als Subjekt gar nicht vor. Das könnte ich auch gar nicht, denn da müsste ich Klischees reproduzieren. Das interessiert mich nicht.

Was ist der Kern von "Happy End"? Die Zentriertheit auf unser Ego?

Der wichtigste Faden ist die Empathielosigkeit, die es überall gibt. Innerhalb der Familie, zwischen den Familienmitgliedern, zu Partnern oder Untergebenen, es geht um diese Nabelschau, die wir alle betreiben: Um die Fixiertheit auf unsere kleinen Problemchen, die wir für den Nabel der Welt halten, und alles andere ist uns letztlich wurscht.

Ist so eine Haltung, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, nicht auch überlebensnotwendig?

Ein bisschen Empathie kann nicht schaden. Es gibt ja auch Leute, die sich selbst realisieren, indem sie für andere etwas tun. Aber ja, diese Gesellschaft ist eine kapitalistische Konsumgesellschaft. Es ist nicht an mir, das gut oder schlecht zu finden, aber es ist an mir, das zu zeigen. Was mich wütend macht, und das zeige ich dann eben sarkastisch, ist die Heuchelei, die dabei stattfindet. Am Ende schaut jeder auf seine Schäfchen. Wenn einen die Ehefrau verlässt oder wenn die eigene Firma zugrunde geht, dann ist das ein wichtiges Ereignis in einem Leben. Aber gesamtgesellschaftlich ist es gemessen an den Tragödien, die in der Dritten Welt passieren und die wir mitverursacht haben, keine Tragödie mehr. Wir haben nicht mehr das Recht auf eine Tragödie. Die haben wir verwirkt, als Gesellschaft.

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Schlagwörter

Interview, Michael Haneke, Film

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Dokument erstellt am 2017-09-29 15:48:09



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