• vom 10.10.2017, 19:00 Uhr

Film

Update: 11.10.2017, 14:28 Uhr

Harvey Weinstein

Das Hosentürl zum Ruhm




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Von Christina Böck

  • Sittenbild Hollywood: Die frauenfeindlichen Machtstrukturen dort haben sich seit den den 20ern kaum verändert.

- © Pascal Huot/Fotolia

© Pascal Huot/Fotolia

"Ich bin der verdammte Sheriff dieser verdammten, gesetzlosen Scheißstadt", soll Harvey Weinstein einmal gesagt haben. Da hat er New York gemeint, aber es gibt Indizien, dass diese megalomane Einstellung auch für Los Angeles gilt. Der Skandal, der sich um den berühmten Filmproduzenten ("Pulp Fiction", "Shakespeare in Love") entfaltet, lässt durchaus den Schluss zu, dass sich Weinstein als über dem Gesetz stehender Regent von Hollywood gesehen hat.

Ende vergangener Woche veröffentlichte die "New York Times" einen brisanten Artikel, in dem schwere Vorwürfe gegen Harvey Weinstein erhoben wurden. Zuletzt meldeten sich Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow zu Wort und berichteten ebenfalls von sexueller Belästigung.

Die oft bemühte Legende von der "Besetzungscouch" entpuppte sich als ganz und gar nicht fiktiv. Mehrere Frauen soll Weinstein sexuell belästigt haben - im Austausch gegen berufliches Vorankommen. Auch die bekannte Schauspielerin Ashley Judd war darunter, Weinstein hatte sie zu einem Frühstücks-Geschäftstermin im Hotel geladen. Dort wurde sie vom Produzenten im Bademantel empfangen. Dann fragte er sie, ob sie ihn massieren wolle oder ob sie ihm beim Duschen zuschauen wolle. Judd rekapitulierte gegenüber der "NYT" ihre Gedanken: "Wie komme ich hier so schnell wie möglich weg, ohne Harvey Weinstein vor den Kopf zu stoßen?"

So absurd die Überlegung klingt - immerhin könnte man meinen, dass Weinstein mit seinem Verhalten sie vor den Kopf gestoßen hat - so bitter-realistisch war die Einschätzung. Denn mit Harvey Weinstein wollte man es sich in Hollywood nicht verscherzen. Das konnte nachhaltige Folgen haben, und manchmal auch ganz unmittelbare: Die TV-Moderatorin Lauren Sivan hatte seine Avancen zurückgewiesen. Daraufhin soll er sie in einem Gang festgehalten und vor ihr in eine Topfpflanze masturbiert haben.

Weinstein hat schnell eine Erklärung veröffentlicht, in der er sich für sein Verhalten entschuldigte und eine Auszeit ankündigte, in der er mit einer Therapie seine "Dämonen" bekämpfen wolle. Das reichte dem Aufsichtsrat der von ihm und seinem Bruder Robert gegründeten Firma offenbar dann doch nicht mehr - am Montag wurde er entlassen.

Schweigedeals

Ein weiterer prominenter Name scheint in der Geschichte der "NYT" auf - Rose McGowan ("Charmed"). Die Schauspielerin hatte bereits vor ein paar Jahren in rätselhaften Tweets angeklagt, dass ein namhafter Produzent sie vergewaltigt habe. Den Namen nannte sie freilich nicht - sie hatte, wie so viele andere offenbar, einen Schweigedeal mit Weinstein. Hundertausende Dollar soll Weinstein seine nach außen hin reine Weste wert gewesen sein.

Dass unliebsame Geschichten einfach verschwinden, das ist eine Tradition in Hollywood, die in die Anfangszeiten der "Traumfabrik" zurückreicht. Bereits in den Zwanziger-Jahren wussten Filmstudios, was das effektivste Mittel gegen rufschädigende Eskapaden ist: viel Geld. Im Buch "The Fixers" zitiert Autor E. J. Fleming den Sohn eines Paramount-Produzenten über jene Ära der mühelosen Korruption: "Die Macht (der Filmstudios) war enorm und es war nicht nur ihre Macht, Filme zu drehen oder jemanden zu schmieren oder jemanden über Nacht zum Star zu machen, ob Schauspieler oder Regisseure. Sie konnten einen Mord vertuschen. Man konnte buchstäblich jemanden umbringen und es würde nicht in der Zeitung stehen."

Nettigkeiten

Zuständig für solche Spezialmissionen waren Manager wie Eddie Mannix und Howard Strickling für den Studiogiganten MGM. Joan Crawford fährt betrunken eine Frau nieder? Kein Problem, lässt sich mit ein paar Hundert-Dollar-Scheinen, die man der verletzten Frau im Spital auffächert, schon reparieren. Errol Flynn wird wegen Vergewaltigung von zwei Minderjährigen angeklagt? Kein Problem, es gibt eine Jury, in der großteils Frauen sitzen, die sich in die starken Arme des Abenteuerfilmstars träumen und gar nicht verstehen, warum das irgendeine Frau nicht will - freiwillig, unfreiwillig, pipapo. Und das in einer Zeit, in der Frauen als Geschworene veritable Raritäten waren.

Es waren die Zeiten, in denen Studiobosse wie Louis B. Mayer das Regiment führten und Schauspieler und Regisseure in ihren Verträgen an die einflussreichen Filmfirmen gefesselt waren. Mayer soll mit Hunderten Starlets geschlafen haben, immer sagte er ihnen: "Wenn du nett zu mir bist, werde ich auch nett zu dir sein."

Vielleicht ist das diese "Kultur", von der Weinstein in seiner "Entschuldigung" gesprochen hat: Er sei in den Fünfzigern und Sechzigern aufgewachsen sei, in denen die Verhaltensregeln und das Arbeitsumfeld anders gewesen seien. "Das war die Kultur damals". Doch Weinstein scheint nicht der einzige zu sein, bei dem in Sachen Behandlung von Frauen die Zeit mindestens in den Fünfzigern stehen geblieben ist: Von Susan Sarandon bis Gwyneth Paltrow - viele Frauen haben von anstößigen Begegnungen berichtet, aber immer, ohne Namen zu nennen. Schauspielerin Thandie Newton wurde bei einem Bewerbungsgespräch unter den Rock gefilmt, später erfuhr sie, dass der Produzent das Video immer noch gern bei Partys herzeigt.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-10 16:15:07
Letzte nderung am 2017-10-11 14:28:12



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