• vom 03.12.2017, 06:00 Uhr

Film


Interview

Die Kamera als Schutz




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Von Susanne Veil

  • Ivette Löcker über ihren schonungslosen Familien-Dokumentarfilm "Was uns bindet".


© Jürgen Keiper © Jürgen Keiper

Wien. Eigentlich hätten alle Familiengeschichten etwas Tragikomisches, stellt Ivette Löcker fest. So auch ihr ganz persönliches Familienporträt. Für "Was uns bindet" hat sie ein Jahr ihre Eltern begleitet. Ausgelöst wurde diese Auseinandersetzung dadurch, dass die Eltern ihr und ihren Schwestern das alte Bauernhaus im Salzburger Lungau vermachten.

Die Idee, einen Dokumentarfilm über die eigene Familie zu drehen, habe Löcker schon länger gehabt: "Ursprünglich wollte ich keinen Film über meine Eltern machen. Mich hat vielmehr die Frage umgetrieben, warum ich so weit weggegangen bin und so ambivalente Gefühle habe, wenn ich bei meinen Eltern im Lungau bin", erzählt Löcker, die in Berlin lebt. "Ich wollte mir ein bisschen Klarheit verschaffen und dazu die Mittel einsetzen, die ich habe: die des Dokumentarfilms."


Schonungslos offen stellt sie die Beziehungen in ihrer Familie dar. Ihre Eltern haben sich nie scheiden lassen, obwohl sie seit fast zwanzig Jahren getrennt sind. Stattdessen haben sie sich unter einem Dach arrangiert, leben nebeneinander, aber nicht ganz allein. Löcker war bewusst, dass ihr die Kamera auch die nötige Distanz verschafft und eine Art Schutz erlaubt, um Fragen zu stellen, die Kinder ihren Eltern sonst nicht stellen. Gerade weil die Familie Löcker so Persönliches von sich preisgibt, ist auch der Zuschauer gefragt, Aspekte der eigenen Familie wiederzuerkennen.

Löcker hat die Form des Films offen gelassen, um dem Publikum die Auseinandersetzung zu ermöglichen. Nun ist sie sehr glücklich über dessen Reaktionen, die zeigten, dass das Konzept aufgehe. "Aber ich habe auch gemerkt, dass der Film für manche eine Grenze überschreitet. Er behandelt private, innerfamiliäre Themen, über die man normalerweise nicht spricht." Doch es sei nun mal ihr Anliegen gewesen, genau diese Tabuthemen gerade am Land zur Sprache zu bringen, so Löcker. "Ich wollte, dass wir über diese Arrangements, Konventionen und Traditionen einmal nachdenken und was das für diese Generation im Zusammenleben bedeutet, die zum Beispiel eine Scheidung als Scheitern betrachtet."

Bindung und Freiheit
Damit sind manche Aspekte in der Beziehung ihrer Eltern auch eine Generationenfrage, die für Löcker mit traditionellen Geschlechterrollen zu tun hat: "Heute ist viel mehr Offenheit dafür da, wie man lebt und viel mehr Gleichberechtigung. Meine Eltern sind mit ganz anderen Idealen aufgewachsen und erzogen worden. An meiner Mutter merkt man sehr stark, dass es ihr schwerfällt, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren. Doch sie hat eben ihre Rolle gelernt und das ist nun mal auch die der Mutter, die sich um die Kinder kümmert und vielleicht auch eine Spur zu weit aufgeopfert hat." Genauso werde das traditionelle Männerbild ihres Vaters sichtbar. Andererseits habe ihr die Arbeit am Film geholfen, zu akzeptieren, dass es dieses Leben sei, welches beide sich ausgesucht hätten und womit sie zufrieden seien.

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Interview, Ivette Löcker

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