• vom 12.01.2018, 15:44 Uhr

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Update: 12.01.2018, 16:00 Uhr

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Das Ende der Freiheit




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Von Matthias Greuling

  • Ruth Mader zeigt in "Life Guidance" eine vom Kapitalismus zerfressene Welt. Sie findet, ihre Dystopie ist bereits fast Realität.

Fritz Karl in der Hauptrolle von "Life Guidance": Dort ist er im Visier einer Agentur, die die Menschen fortwährend optimieren will. - © Stadtkino

Fritz Karl in der Hauptrolle von "Life Guidance": Dort ist er im Visier einer Agentur, die die Menschen fortwährend optimieren will. © Stadtkino

Ruth Mader entwirft ein düsteres Zukunftsbild.

Ruth Mader entwirft ein düsteres Zukunftsbild.© apa/Hans Punz Ruth Mader entwirft ein düsteres Zukunftsbild.© apa/Hans Punz

Ruth Maders Filmheld Alexander (Fritz Karl) ist nicht mehr ganz sicher, ob die Welt, in der er lebt, die richtige für ihn ist: Alles rund um ihn wird fortwährend optimiert, und der sterile Umraum seiner Lebensumgebung arbeitet einem absoluten Kapitalismus zu, der keine Schwäche duldet. Wer schwach ist, landet in den Schlafburgen, in denen die Minderbemittelten hausen. Doch in Alexander wächst der Widerstand gegen diese rundum überwachte Welt und gegen den gläsernen Menschen. Da aber Unmut nicht geduldet wird, stellt man ihm die Agentur "Life Guidance" zur Seite, die ihn auf den rechten Weg zurückbringen soll.

Ruth Maders neuer Spielfilm "Life Guidance" (derzeit im Kino) ist eine Dystopie im Sinne von George Orwells "1984" und zeigt in eleganten Bildern, wie unser Wertesystem von Gier und Kapitalismus unterwandert wird.

"Wiener Zeitung": Ist Orwells "1984" eines der Vorbilder für Ihren Film gewesen?

Ruth Mader: Ja, definitiv, denn es ist ein Buch, das mich schon lange fasziniert. Formal habe ich mich sehr an Stanley Kubricks "A Clockwork Orange" orientiert, gerade auch in der Frage, wie er mit Räumen umgeht und mit seinen Motiven. Kubrick war in der Wahl seiner Bilder sehr präzise. Außerdem war mir wichtig, einen zeitlosen Science-Fiction-Film zu drehen, also einen, der gesellschaftspolitisch relevant ist und auch über die nächsten Jahrzehnte relevant bleiben wird. Gerade da ist Kubrick auch ein Vorbild.

"Life Guidance" ist ein sehr bewusster Kommentar zu unserer Zeit. Und dabei auch ein sehr aktueller.

Es ist sicher ein gesellschaftspolitischer Film, der zeigt, hochgerechnet, wie unser Wertesystem der Zukunft aussehen könnte, wenn der Kapitalismus sich derart perfektioniert und sich alles nur mehr darum dreht, dass die Menschen "optimiert" und wir immer transparenter werden und immer mehr Daten freiwillig ins Internet stellen. Der Film zeigt aber auch das Spannungsfeld, das sich auftut, wenn eine Gesellschaft immer mehr nach "political correctness" strebt. Ich glaube, der Film greift relevante Themen auf. Seit ich davon gehört habe, dass man in Schweden überlegt, dass man sogar in einer Ehe vorher fragen muss, ob man Sex miteinander haben darf, finde ich, dass die Realität gerade unseren Film einholt.

Und diese Realität ist etwas Hausgemachtes, kein von außen aufoktroyiertes, autokratisches System.

Genau. Wir zeigen eine Mittelschicht, die sich höchstselbst für diese, ihre totale Überwachung entschieden hat. Das sieht man in vielen Gesellschaften heute, dass der Wunsch nach Überwachung und Sicherheit so groß geworden ist, dass man bereit ist, dafür die eigene Freiheit zu opfern. Und noch etwas: Bereitwillig geben wir all unsere Daten dem Internet preis, egal, ob das auf Facebook passiert oder die Algorithmen von Google herausfinden. Wer im Internet unterwegs ist, stimmt zu, dass seine Daten übertragen und erfasst werden. Dadurch ist die Freiheit in Gefahr. Und zwar die Freiheit des Einzelnen, die eigentlich ein Kapitalismusversprechen ist. Gemeinhin wird behauptet, der Kapitalismus bringt uns die Freiheit, aber das Gegenteil ist der Fall.

Beeindruckend an Ihrem Film sind vor allem die klaren, strengen Bilder von Kamerafrau Christine A. Maier: Visuell ist diese Dystopie optisch freundlich und gar nicht so furchteinflößend. Das ist unüblich im Genre.

Mich interessieren Kontraste sehr stark, zum Beispiel eine helle Welt, und ein Grau, das in dieser Helligkeit aufgeht. Der eigentliche Horror in diesem Film ist ja nicht die Welt der Schlafburgen, sondern die Welt der Mittelschicht, in der alles optimiert erscheint, in der alles unter völliger Kontrolle steht und man seine Freiheit verliert. Übrig bleibt eine seltsam entleerte Welt, ein leeres Dasein. Da komme ich wieder auf das Schweden-Beispiel: Das ist für mich der Verlust der allerintimsten Dinge und der persönlichen Freiheit.

Sie haben Ihre Meinung betreffend der Filmpolitik immer schon lautstark kundgetan. Welche Wünsche haben Sie als Filmschaffende nun an die neue Bundesregierung? Gibt es viel Verbesserungsbedarf?

Ich habe derzeit keinerlei Befürchtungen und bin eigentlich sehr zufrieden mit der Filmpolitik, so wie sie ist. Dass es möglich ist, künstlerische Filme zu machen, die internationale Relevanz haben, aber genauso, dass es möglich ist, kommerzielle Filme zu drehen, die ihr Publikum finden. Es gibt allerdings das Problem, dass es zu viele Filme gibt, und noch dazu zu viele mittelmäßige Filme, aber das ist nur förderpolitisch zu lösen und sicher nicht regierungspolitisch.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-12 15:47:08
Letzte ─nderung am 2018-01-12 16:00:42



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